Von Helga Hirsch

Kroatien ist mitschuldig geworden an den ethnischen Säuberungen, an der Aufteilung Bosniens, an der Zerstörung eines multikulturellen und multiethnischen Staates. Aber dient diese – berechtigte – Anschuldigung dem Westen nicht allzuschnell der Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens? Je mehr sich alle Kriegsparteien Verbrechen zuschulden kommen lassen, desto weniger scheint die ausländische Hilfe für den Angegriffenen moralisch geboten.

Dabei läßt sich dieses Kroatien nicht mehr über einen Kamm scheren. In der außenpolitischen Debatte im Zagreber Parlament Ende Juni – der ersten seit Kriegsausbruch in Bosnien – hat die sozialliberale Opposition von Dražen Budiša glaubhaft versichert, daß sie eine Aufteilung Bosniens schon im eigenen Interesse nicht gutheißen könne. Akzeptiert die internationale Gemeinschaft nämlich erst einmal, auf der Grundlage von Realitäten zu verhandeln, die durch Aggression geschaffen wurden, droht Kroatien endgültig jene 26 Prozent seines Territoriums zu verlieren, die bereits von den Serben kontrolliert werden. Aber niemand in Kroatien – das ist nationaler Konsens – will auf diese Gebiete verzichten.

Kroatien hat in der Öffentlichkeit viel Kredit verspielt wegen eines angeblichen Deals zwischen dem kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman und dem serbischen Staatschef Slobodan Milošević im März 1991. Danach habe der Kroate dem Serben die Aufteilung Bosniens unter der Bedingung zugestanden, daß die Krajina bei Kroatien verbleibe. Tudjman bestreitet diese Gerüchte zwar; doch um Kroatien endgültig von dem Verdacht zu befreien, es handle mit Land und Menschen, verlangt die Opposition eine deutliche Abkoppelung der Verhandlungen über die kroatischen Gebiete in serbischer Hand. Die Regierung geriet unter Druck.

Tatsächlich haben in der letzten Zeit bilaterale Gespräche zwischen Zagreb und den Serbenführern in Kroatien begonnen; mit Westslawonien wurde sogar ein Abkommen über die Wiederaufnahme des Waren- und Zahlungsverkehrs und der Kommunikationswege geschlossen. Zagreb rechnet sich aus, daß mit anhaltenden wirtschaftlichen Problemen in den serbisch kontrollierten Gebieten, wo schon den zweiten Sommer keine Ernte eingefahren wird, bei der Bevölkerung der Wunsch nach Reintegration wächst.

In Zagreb gerät unterdessen Tudjman auch in den eigenen Reihen immer mehr unter Druck. Bosnien müsse ein Staat bleiben und sich eine innere Ordnung geben, die alle drei Völker befriedige, meint der frühere Premier und Sicherheitsbeauftragte Josip Manolić Alles andere führe zu einem langjährigen Krieg, dessen Folgen nicht nur für Kroatien unabsehbar seien.

Manolić und andere Führer des sogenannten Partisanenflügels wenden sich gegen den Einfluß der radikalen „Herzegowiner“: gegen Politiker, die wie der jetzige Verteidigungsminister Šušak in den sechziger Jahren aus der Herzegowina auswanderten und nun mit Emigranten-Geldern Tudjman dafür bezahlen, daß er die kroatische Politik gegenüber Bosnien von herzegowinischen Interessen bestimmen läßt.