Von Jan Feddersen

Zehn Meter vor uns trottet die Gruppe der nächsten Versorgungsstation entgegen. Wir sind bei Kilometer 33. Tausend Meter noch bis zu den Getränken, zu belegten Brötchen, Ruhebänken – und dem Sanitäter. Nur noch eine knappe Viertelstunde bis zu jenem Punkt, von dem an, versichert der britische Colonel Webb, der Weg nur noch eben verlaufe, „keine Berge mehr, bestimmt“.

Doch dann dieser Abstieg, im wahrsten Sinne des Wortes, ein fast pflaumenweicher, endlich einmal laubgedämpfter Weg den Hügel hinunter. Die Füße glühen, die Gelenke schmerzen, das rechte Innenknie scheint geschwollen, mindestens aber durch einen bierdeckelgroßen Bluterguß in Mitleidenschaft gezogen zu sein. Eine Vision durchschneidet meinen Tagtraum von Tapferkeit und die Hoffnung auf das lindernde Körperhormon Endorphin: Das Klima möge sich auf der Stelle ändern, der Winter einziehen, die Landschaft gefrieren, auf daß man als allerletzte Rettung, herunterrutschen könnte bis zum Pausenplatz.

Jeder Schritt unter der Junisonne schmerzt, jede Bewegung provoziert einen anderen Gedanken: Wozu? Muß ich mich wirklich beweisen? Weshalb also noch weitere 86 Kilometer wandern? Andere Leute, draußen in der Welt, nichts ahnend vom Internationalen Nahe-Marsch, sitzen derweil in Cafés, flanieren zu Zigarettenautomaten, fahren Rad und erfreuen sich gewiß bester körperlicher Verfassung. Vielleicht leben sie nicht gerade gesund, wenn sie sich Genüssen hingeben, die Krankenkassen am liebsten auf den Index setzen würden: Kaffee und Bier und Fritten und Softeis. Dafür bleiben ihnen die Qualen eines sehr, sehr langen Spaziergangs unter Führung der Bundeswehr („Eine starke Truppe“) erspart.

„Wer einmal die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit kennenlernen möchte, ist an der Nahe genau richtig“, hieß es in einer Meldung der Naheland-Touristik GmbH. 120 Kilometer waren zur Prüfung ausgelobt, von der Mündung des Flusses im Saarländischen bis nach Bingen am Rhein. Es galt, die Strecke zu erwandern. Und was soll schon dabei sein, eine Distanz läuferisch in einer-Zeit zu bewältigen, die andere nicht einmal mit dem Fahrrad schaffen würden – nämlich in zwei Tagen?

Andererseits: Zwanzig Abendspaziergänge in 36 Stunden – na und? Der Veranstalter hatte die ganze Chose als „Antistreß-Seminar“ für Manager „und solche, die es werden sollen“ gepriesen. Das klang schon unsportlicher, sozialverträglicher sozusagen, wenn nicht sogar wie ein Hinweis, es mit der Leistungsgesellschaft einmal nicht so genau zu nehmen.

Soziologen und Psychologen sind sich längst einig: Deutschland leidet. Ein ganzes Volk voller Bedenken-, Leistungs- und Verantwortungsträger, eine Gemeinschaft der Macher und Manager, lautet ihre Diagnose. Oder frommt das vielleicht doch unseren Seelen, wir, die vielen Menschen voller Kärrnerglauben und Mannschaftsgeist? „Wir sind eine Gemeinschaft der Offiziere im zivilen wie militärischen Sinne“, faßte diese Mentalität ein Teilnehmer unserer Marschgruppe recht schön zusammen.