Von Uwe Storjohann

Ich weiß nicht, ob der Gerontologie das Symptom bekannt ist. Immer häufiger ertappe ich mich dabei, daß ich in Fernsehprogrammzeitschriften nach Uraltware aus der Tonfilmbranche suche, unter besonderer Berücksichtigung der Produktionsjahre 1938-1943.

Damals war ich ein mäßiger Schüler, ein mittelmäßiger Fußballtorwart und ein maßloser Kinoallesfresser, pardon, Fast-alles-Fresser. Die mit den verräterischen Prädikaten „staatspolitisch wertvoll“ oder „Film der Nation“ geschmückten Propagandafilme, in denen für Deutschland geritten und gestorben, für den alten Fritzen gelitten und geworben und um die Heimatscholle gerungen und gesungen wurde, mied ich schon in meiner ersten Zelluloid-Traumwelt-Ertastungsphase wie der Priester das Erotikon. Diese Geschmackseinschränkung freilich verringerte den Kinokonsum nur unwesentlich. Vier bis fünf Kinobesuche in der Woche waren die Regel, und es wären zweifellos noch mehr gewesen, hätte die Beschaffung des schnöde verlangten Eintrittsgeldes – vier bis sechs Groschen pro Vorstellung – nicht den kostbarsten Teil der Pennälerfreizeit beansprucht.

Anspruchsvolle Cineasten dürfen mich mit Recht bedauern. Bleibendes Kulturgut war es ganz gewiß nicht, was von den reichsdeutschen Leinwänden auf mich herabflimmerte. Doch in diesem Falle poche ich auf meinen Altersstarrsinn, verweigere jede ästhetische, dramaturgische oder filmpolitische Diskussion und bestehe auf meiner einzigen, aber unanfechtbaren Rechtfertigung: Es waren meine Filme.

Und nun sehe ich sie wieder, bildschirmverfremdet zwar, mal auf öffentlich-rechtlichem Kanal ohne dazwischengeschobene Bier-, Müllermilch- und Lila-Almkuh-Schokoladen-Werbung, mal privat zerstückelt von eben diesen Nostalgievertreibern, aber immer noch von A bis Z in gleicher Starbesetzung, von Hans Albers bis Zarah Leander. Und aus dem Genuß heraus schält sich die Frage: Ist es eine überwiegend individuelle, für das allgemeine Seniorenwohl unerhebliche Marotte, oder handelt es sich um ein verbreitetes, vielleicht sogar epidemisches Phänomen, das nur noch nicht erforscht ist? Bin ich womöglich abhängig von einer gefährlichen, hirnlähmenden Altersdroge – und wenn ja: Wie viele solcher Gefährdeten gibt es außer mir?

Ich mache mir nichts vor. Die Antwort wird nur schwer zu finden sein. Man verschlingt die Filme ja nicht mehr wie damals, als Kintoppverrückter unter lauter Kintoppverrückten, in fast immer ausverkauften Vorstadtlichtspielhäusern, man setzt sich den Schuß „La Jana“ oder die Spritze „Pola Negri“ nun in zeitgemäßer Isolation vor der häuslichen Bilderberieselungskiste, ängstlich darauf bedacht, daß niemand sonst zugegen ist.

Wer einmal seiner Sucht in Anwesenheit jüngerer Zeitgenossen gefrönt hat, weiß, wovon ich rede. Wie soll man beispielsweise dem erschrockenen Enkel erklären, warum sein Opa beim Anblick eines in weißen Shorts über den Bahnsteig spazierenden jungen Mannes in brüllendes Gelächter ausbricht, sich wonneklatschend auf die Schenkel schlägt und bar jeder großväterlichen Autorität alberne Grimassen schneidet? Es hülfe wenig, wenn der Enkel erführe, daß die Shorts keine Shorts sind, sondern kurze Unterhosen, und daß zu jener Zeit, als Opas Kino noch brandneu war, ein öffentlicher Auftritt in Unterhosen entweder allgemeines Ärgernis hervorrief oder – wenn er wie in dieser Kleinbürgerklamotte „Sieben Jahre Pech“ unfreiwillig war – in jeder „Flohkiste“, lachsturmbedingt, die Wände wackeln ließ.