Von Urs Willmann

Nur in toto wollen die Angehörigen Wolfgang Grams bestatten. Da aber Hirn und Kopfschwarte, an der die sogenannten Schmauchspuren kleben, von der Staatsanwaltschaft für weitere Untersuchungen zurückbehalten worden sind, wird es eine Weile dauern, bis der Tote in der Erde zur Ruhe kommt. Denn Schwarte und Hirn, oder Teile davon, befinden sich in der Schweiz und werden vom Wissenschaftlichen Dienst (WD) der Stadtpolizei Zürich untersucht.

Nachdem bereits zwei unabhängig voneinander entstandene Gutachten zu dem Ergebnis gekommen sind, daß es sich beim tödlichen Schuß auf Grams um einen Aufsatz- oder absoluten Nahschuß handelt, ist Schweizer Neutralität und Objektivität in kriminologischer Hinsicht gefragt. „Insbesondere bei der Erstellung von Gutachten“, so sagte der frühere Leiter des WD vor Jahren, „ist nicht nur Vorsicht, sondern Pedanterie angezeigt.“ Und diese vielversprechende Tugend, als Maxime gepflegt, beherrscht der vor 41 Jahren gegründete schweizerische Spezialdienst in jeder Hinsicht: Weil, so der Pressesprecher der Stadtpolizei, schon zwei wichtige Herren „über die Klinge“ springen mußten (Innenminister Rudolf Seiters und Generalbundesanwalt Alexander von Stahl) und mit Schwerin Nachrichtensperre vereinbart worden ist, dringt im Moment nichts nach außen, nicht einmal das, was nichts mit Grams zu tun hat. Die Zürcher mauern mit Granit – und, zumindest dies ist aus dem Schweigen herauszuhören, mit sehr viel Stolz. Wieder einmal ist in der Öffentlichkeit vom „hervorragenden Ruf“ des zürcherischen Wissenschaftlichen Diensts die Rede, wieder einmal schreiben Zeitungen (so die Süddeutsche) von der „weltweit anerkannten Expertengruppe“.

Nicht nur in der Schweiz (Untersuchung des Brandes beim Basler Chemiemulti Sandoz 1986), sondern auch international sind die 52 Angestellten (darunter Biologen, Physiker und Chemiker) ab und an mit Höhepunkten des Verbrechens oder Unglücks beschäftigt, so etwa im österreichischen Jahrhundertfall Unterweger (zwölffacher Dirnenmord) oder im Fall Barschel. Diese schlagzeilenträchtigen Fälle täuschen ein wenig über den grauen Alltag der Beamten hinweg, der durch am Unfallgeschehen beteiligten Pneuabrieb bestimmt ist, durch vergleichende Analysen von Erdproben oder Elektrizität als Brandursache. Auch deshalb ist Grams’ Kopfschwarte ein Auftrag, der die Zürcher besonders herausfordert.

Zuständig ist die Sektion Technik, die ihren guten Ruf bereits vor zwanzig Jahren mit einem eindrucksvollen Leistungsbeweis begründete: Im aargauischen Würenlingen war eine Coronado abgestürzt, 47 Menschen hatten den Tod gefunden. Beim Aufprall zwischen den Bäumen war das Flugzeug in Tausende von Bruchstücken explodiert, von denen das größte gerade noch einen Quadratmeter maß. Bei den Bergungsarbeiten wurden 6000 Kubikmeter Erde umgegraben, Dutzende von Fachleuten ordneten jedes einzelne Teilchen seinem Platz im Flugzeug zu. Ein einziges blieb übrig: ein Höhenmesser von fünf Zentimeter Durchmesser, Bestandteile der Bombe, die im Frachtraum in einem Sack der Deutschen Bundespost explodiert war.

Die Schweizer Gründlichkeit soll jetzt mindestens drei Fragen klären:

  • Aus welcher Entfernung wurde Grams erschossen?
  • Welcher Waffentyp oder welche Waffe wurde verwendet?
  • Welche Munition?