Ganz und gar ungewöhnlich, wie alles, was die 1960 in Mechelen geborene Tänzerin-Choreographin Anne Teresa de Keersmaeker für die Bühne erfindet, ist der Beginn ihres neuen Balletts. Die knapp einstündige Veranstaltung ohne Pause will und will – als Tanzabend – nicht beginnen. Und hat, als Tanzabend, doch längst angefangen, obwohl auf der schrägen, trapezförmigen Bühne außer sechs Stühlen für vier Tänzerinnen und einen Tänzer nichts zu sehen ist.

Auf der hellen Rückwand des Saals in der Warenbörse, Beurs van Berlage, am Hauptbahnhof von Amsterdam, erlischt das Rankenwerk des Wappens der Familie von Johann Sebastian Bach – und eingeblendet werden Titel, Werkverzeichnis und Anfangstakte der „Toccata, Bach-Werke-Verzeichnis 914“. Im Winkel der von Herman Sorgeloos als unsymmetrische Schräge mit sieben Ecken gebauten Bühne sitzt am Konzertflügel Jos van Immerseel und spielt Bach.

„Bach“, einfach „Bach“, heißt der neue Tanzabend der jungen Belgierin, die zu den wenigen großen Choreographinnen Europas zählt und im letzten Stück des Abends („Sonata d-moll BWV 964, nach der Violinsonate a-moll“) auch als Tänzerin zu bewundern ist. Zehn, zwölf Minuten lang bleibt die Szene ohne Tänzer(in), stimmt uns die Choreographin ein auf den Tanz der Noten bei Bach, auf das Szenische der barocken Musik, auf das, was Johann Philipp Kirnberger seinem Lehrer Bach nachrühmt: „... habe ich doch keine Fugen von Bach gesehen, welche nicht eben so wohl wie andere Sachen rhythmisch wären.“

Der rein musikalische Auftakt zu „Bach“ ist so kühn wie die erste, musiklose Stunde von Keersmaekers bereits in die Ballett-Geschichte eingegangenem Stück „Rosas danst Rosas“, das die Choreographin nach zehn Jahren neu einstudiert hat und das sie mit vier Tänzerinnen ihrer Truppe an der Oper in Brüssel zur Zeit in Europa auf Tournee schickt: Der Eindringlichkeit zeitlupenhaft verzögerter Bewegungen im Liegen, Fallen, Stürzen, zu Beginn ohne anderen Ton als das harte Atmen der Tänzerinnen, haben sich jedenfalls beim Gastspiel in Hamburg viele Betrachter durch Flucht aus dem Theater entzogen.

Der leere Raum, die immer wieder anders gruppierten Stühle: Alles scheint bei der Premiere während des Holland-Festivals auf die calvinistischen Exerzitien, die puritanische Formstrenge einer Künstlerin zu verweisen, die ihre Tänzerinnen gern in weißen Ringelsöckchen und schwarzen Militärstiefeln auf die Bühne schickt.

Und dann ist alles ganz anders: Wie befreit von großem, selbstauferlegtem Druck nehmen die barfuß, in weiten, dunklen Hosen tanzenden Menschen Bachs Aufforderung zum Bewegungsspiel auf. Sie schwingen im Rhythmus verschränkter Melodien, als zeichneten sie, jede(r) für sich, eine Stimme nach, etwa in „Fantasie und Fuge, a-moll, BWV 904“. Die Choreographin verzichtet nicht auf ihr eigenes Tanz-Vokabular: abruptes Innehalten, Einknicken, Fallen, Gleiten, Stürzen, über die Bühne rollen. Doch alles ist eingebunden in eine neue, überraschende Heiterkeit, in ein Fließen der Bewegung als ob Tanzen jetzt und hier erfunden würde. Wie hat Goethes musikalischer Freund Zelter dem Dichter Bachs Kunst zu erklären versucht: „Klar, doch unerklärbar.“ R. M.