Von Viola Roggenkamp

Am Eingang zum Saal stehen rechts und links zwei kleine Tische, zwischen denen niemand so ohne weiteres hindurchkommt. Rechts Bücher. Viele Bücher von einem Thomas Kornbichler verfaßt; Psychologe und Kulturwissenschaftler. Und dann in mehreren Exemplaren immer wieder ein Buch: „Meine drei Mütter und andere Leidenschaften“, geschrieben von Sophie Freud.

Die Lessing-Hochschule Berlin hatte ins Amerika-Haus eingeladen. Zu einem Gespräch vor Publikum, einem Gespräch zwischen einer älteren Frau aus USA und einem jüngeren Mann aus Berlin mit stark süddeutschem Akzent, Herrn Kornbichler. Auf dem anderen Tischchen die Kasse und die Karten. Und davor eine lange Reihe in neugieriger Erregung wartende Menschen. Die Enkelin ist nach Deutschland gekommen. Nicht zum erstenmal. Seine Enkelin. Ein im Foyer rauchender Mann hat sie schon einmal gesehen. „Ja, und?“ – „Was?“ – „Wie sieht sie denn aus?“ – „Klein.“

Sophie Freud, Enkelin von Sigmund Freud, Nichte von Anna Freud und obendrein eine Persönlichkeit für sich, ist Psychologin, lebt in Boston und lehrt dort als Universitätsprofessorin an der Simmons College School of Social Work. Viele sind an diesem Abend gekommen, um sie zu hören und auch zu sehen. Das Publikum, überwiegend Frauen, teilt sich auf in zwei unterschiedlich große Gruppen: Psychologinnen und Psychologen sowie einige Patientinnen und Patienten. Die meisten kennen einander. Man ruft schon beim Eintreten huhu und hallo und teilt neu Ankommenden in Hochstimmung mit: „Weißt du, wer alles da ist?“ – „Na?“ – „Alle!“

Um 19 Uhr soll es beginnen. Pünktlich vier Minuten vorher ist Sophie Freud da, erklettert unter wachsendem Geraune die Bühne, nimmt vor einem roten Vorhang Platz und klopft gegen das Mikrophon: „Testing! Testing! Ist gut? Ja? Bin ich zu hören?“ Zweierlei ist auf Anhieb klar und muß im Publikum erst mal leise mit der Nachbarin beredet werden. Erstens: „Sie spricht deutsch.“ Und zweitens: „Sie sieht ihm ja gar nicht ähnlich. Weder ohne noch mit Bart.“

Blitzlichter zucken auf. Kassettenrecorder werden bereitgestellt. „Daß die mit dem Erbe so rumläuft“, lästert ein Mann, das graumelierte, weich gefönte Haar aus der Stirn streichend, über die Kollegin aus Amerika. „Muß sie das jetzt auch verkünden, was der Alte da so meinte?“ Vielleicht eine gute Frage? Doch viel zu leise gesprochen.

Außerdem fängt es nun an: das Gespräch zwischen Sophie und Thomas, die sich vor Jahren irgendwie kennengelernt haben, wohl ebenso lange schon du zueinander sagen, und das ausnahmsweise vor mehreren hundert Leuten.