Ein weißer Klinikbau an einem Hang. Das Messingschild verrät nichts. Im Wartezimmer Knautschsofas und Sitzinseln, Phototapete mit Strandidylle. Zwischen den Gummibäumen brüllt stumm ein Leopard aus Porzellan. Viel ist nicht los.

In den Wochen vor dem 16. Juni herrschte hier Hochbetrieb. Frauen aus Oberbayern, dem Schwäbischen und dem Schwarzwald füllten das Wartezimmer der privaten Abtreibungsklinik des Dr. Z. im Odenwald. „Wir hätten die fast in den Garten legen müssen“, sagt die Verwalterin, „es war wie beim Sommerschlußverkauf.“

Seit am 16. Juni die Übergangsregelung des Bundesverfassungsgerichtes zum Paragraphen 218 in Kraft getreten ist, müssen die Patientinnen ihre Abtreibung auch hier selbst bezahlen. Im voraus, versteht sich: 659 Mark bis zur 9. Woche, 749 Mark von der 9. bis zur 12. Woche.

Für Dr. Z. ist eine Abtreibung Routinesache. Vier Minuten. Seit siebzehn Jahren bricht er Schwangerschaften ab, insgesamt sind es inzwischen wohl an die 120 000. Dafür wurde er von der katholischen Kirche exkommuniziert. An Feiertagen versammeln sich Gläubige vor seiner Klinik. Sie singen und beten. „Da stehen dann vor allem Kinder, Geistliche und Alte“, sagt die Verwalterin, „doch die ganze Altersgruppe junger, gebärfähiger Frauen fehlt.“

Für die ändert sich nun einiges. Bis zum 15. Juni herrschte zweierlei Recht im vereinigten Land und vielerlei Praxis. In der alten Bundesrepublik galten die sogenannten Indikationen als Abtreibungsgrund: die medizinische bei Lebensgefahr für die Mutter oder schwerwiegender körperlicher und seelischer Beeinträchtigung, die kriminologische bei Vergewaltigung, die eugenische bei schwerer Schädigung des Fötus und die am häufigsten ausgestellte Indikation zur Abwendung einer schwerwiegenden Notlage. Die Frauen mußten sich beraten lassen, die Indikation wurde vom Arzt ausgestellt, die Kosten der Abtreibung übernahmen dann die Krankenkassen.

In Ostdeutschland galt seit 1972 die sogenannte Fristenregelung. Bis zur 12. Woche konnte die Frau über die Abtreibung entscheiden; Ärzte hatten eine Beratungspflicht, der Eingriff war kostenlos. In der DDR, wo zuvor nur die medizinische Indikation und Abtreibung bei schwerer Erbkrankheit eines Elternteils akzeptiert worden waren, fiel nach Freigabe der Abtreibung die Geburtenrate 1974 auf den tiefsten Stand, stieg danach aber stetig an. Nur Anfang der achtziger Jahre war ein leichter Rückgang zu beobachten.

Am 27. Juli vergangenen Jahres verabschiedete der Bundestag ein neues Gesetz, das die Fristenregelung mit Zwangsberatung vorsah und in der gesamten Bundesrepublik gelten sollte. Dagegen klagten 249 Abgeordnete der CDU/CSU vor dem Bundesverfassungsgericht. Der 2. Senat erklärte die Paragraphen 218a Absatz 1 und 219 am 28. Mai für verfassungswidrig. Beide müssen jetzt vom Bundestag neu formuliert werden. Bis dahin gilt eine vom Bundesverfassungsgericht vorgegebene Übergangsregelung: