Einer, der (jetzt oder schon wieder) von Göttern redet, macht sich damit nicht mehr so ganz indiskutabel wie während der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts oder bei den Eliten schon seit Voltaire.

Freilich stellen diese zweihundert Jahre einen winzigen Abschnitt und vielleicht nur eine Unterbrechung dar, verglichen mit Zeiten, in denen Götter und Dämonen verehrt wurden. Gewiß hat es auch schon vor Lukian immer wieder Geister gegeben, die sich über Götter, zum mindesten die der anderen, belustigten. Aber man blieb unter sich. Noch für Augustin sind Götter gegenwärtig, wenngleich er ihnen einen nur dämonischen oder titanischen Charakter zubilligt. Seine Frage, ob sie ein Weltreich erschaffen oder erhalten können, trifft unsere heutige Lage im Kern. Wenn Nietzsche Apoll und Dionysos gegeneinander abwägt, so ist das mehr als mythologische Symbolik – gemeint ist mythische Substanz.

„Gott“ genießt, auch wenn der Name nicht genannt wird oder die Sprache sich mehr oder minder überzeugend um ihn herumwindet, noch einen gewissen Respekt. Daß die Rechnung mit unserem Jetzt und Hier nicht aufgeht, wird instinktiv gefühlt und auf jeder geistigen Stufe erkannt. Entsprechend formt sich das Gebet.

Nietzsches „Gott ist tot“ kann nur bedeuten, daß der epochale Stand der Erkenntnis nicht genügt. Außerdem widerspricht der Autor sich selbst mit der „Ewigen Wiederkehr“.

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Göttliches lebt. Wenn Namen genannt werden, denken die meisten an vorchristliche oder ortsüblich gewesene Gottheiten. Deren Tempel sind verfallen, und von vielen der dort einst Verehrten sind nicht einmal die Namen bekannt. Also sind Götter sterblich, doch das besagt nichts gegen ihr Wesen und ihre Wirklichkeit.

Auch Götter zählen zu unserer Vorstellung. Wir können ihnen nähertreten, etwa in Opfern und Gebeten, nicht aber hinter dem Vorhang, auf dem sie erscheinen – dort bleiben sie im „Ding an sich“. Dieser Zuordnung wegen („Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“) wurde Kant seinerzeit als „Herabwürdiger des Christenthums und gefährlicher Glaubens-Neuerer“ gemaßregelt (Preußische Kabinettsordre von 1794).