Diese Bang-Nebensätze. Dieser eine Halbsatz, mit dem er die Silhouette einer Existenz ausschneidet, ohne einmal abzusetzen: „Der Doktor..., der das Ganze gelassen nahm, wie er von dem Tag an, als er nach zehnjährigem Studium sein medizinisches Examen mit der Note 3 bestand, alles genommen hatte...“ Nach zehnjährigem Studium ... mit der Note 3 – und was wäre dem noch hinzuzufügen?

Diese Bang-Sätze, die mit ein paar Worten eine Welt entblößen: „Sie war eine alte Melkerin mit vier Kindern; Brasens hatten sie zu herabgesetztem Lohn“ – mehr erfahren wir über die Küchenhilfe nicht (schon ist sie wieder aus dem Buch verschwunden) und wissen damit doch vom Elend genug. Vor allem aber diese ganz nichtssagenden Bang-Sätze, die so dazwischengeweht sind: „Es ist lange her“, „Man zieht wohl weiter“, „Es ist doch Sommer“, „Da geht es hin“. Sätze ohne Bedeutung, überflüssige Sätze, die alles seltsam zerstreuen und zugleich tief darunter miteinander verbinden, kleine Seufzer, in denen die ganze, große, unerträgliche Langweiligkeit des Seins aufscheint. Und gleich weggewischt wie gar nicht wahrgenommen.

Wer konnte das sonst? Maupassant... Tschechow... Jules Renard... Katherine Mansfield... Doch weicher als sie alle, resignierter. Und wenn schon mit einer sarkastischen Pointe glänzend, dann sie sogleich wieder ins Unbedeutende zerstäubend durch einen Wechsel der Perspektive, der Distanz. Nicht Jäger, nicht Arzt, nicht Analytiker – Bang hat nichts vor sich, auf das er zielt, das er erforschen und durchdringen will; er blickt zurück. Alles ist vergangen und vergeht doch nicht und wiederholt sich morgen wieder. „Es ist lange her.“ „Man zieht wohl weiter.“

Ein ganzes Buch aus solchen Sätzen. Nichts als ein Sommertag in einem kleinen Ort am jütländischen Ostseestrand. Momente, Gesprächsfetzen, Silhouetten. Eine Handbewegung, ein Blick, wie jemand sich bückt oder die Treppe hochstapft. Als ob man in einem Skizzenbuch blätterte, von Menzel zum Beispiel. Und erst langsam entstehen Verbindungen zwischen den Gestalten und daraus dann Geschichten, Bächlein von Geschichten, die sich unmerklich in Flüsse verwandeln, in wahre Liebes- und Verachtungsströme.

Die Chronik eines Tages – schon falsch. Allenfalls Augenblicke eines Tages, in denen wir fordernde und überforderte (und übervorteilte) Menschen sehen: im Mittelpunkt, wenn es denn hier so etwas wie einen Mittelpunkt gibt, den Hotelpächter Brasen und seine Frau, die, hochverschuldet, so sehnlichst Badegäste erwarten. Doch als diese endlich eintreffen, alle am selben Tag, werden sie wie eine Katastrophe erlitten, aus heiterem Himmel hereingebrochen über das hilflose Paar und sein verwirrtes Personal. Denn die Gäste „,müssen ja bekommen, was wir annonciert haben’, sagte die Frau. Das war ihr unablässiger Gedanke: Essen: zwei Gerichte und Nachtisch, wie es annonciert war.“

Darum dreht sich hier alles, das beherrscht die Gedanken und Wünsche in jedem Augenblick: daß man doch einen Anspruch hat – auf Erfolg und Gewinn, auf Wohlergehen oder auch nur auf ein paar Tage Vollpension (zwei Gerichte und Nachtisch). Und zu spüren, daß man gar keinen Anspruch hat, gar keinen Anspruch auf das, was Erfolg oder Wohlergehen oder Vollpension wirklich meint. Auf Erfüllung. Auf ein gelungenes Leben oder wenigstens einen einzigen geglückten Tag. Daß man nichts verwirklichen kann und nichts machbar ist...

Und so, wie alles aneinander vorbei hofft und spekuliert, die Jungen und die Alten, die Honoratioren des Ortes, die Gäste und das Gesinde – so löst Bangs Erzählen, seine Splittertechnik alle Illusionen in deren Bestandteile, in die vielen kleinen Motive auf. Vermischt die Gesten und Geschichten zu dem einen Grundgefühl fahler Vergeblichkeit: „Hier ist es trostlos.“