Gerücht unwahr, Exzar lebt. Alles Erfindungen der kapitalistischen Presse.“ Mit diesem an die Kopenhagener Zeitung National Tidende adressierten Telegramm reagierte Lenin am 16. Juli 1918 auf Spekulationen in der bürgerlichen Presse. Einen Tag später wurde der Vorsitzende des Rats der Volkskommissare Lügen gestraft: Zwölf Personen, darunter der letzte russische Zar Nikolaj II., seine Frau und fünf Kinder sowie enge Bedienstete der Familie, waren im sibirischen Ekaterinburg von einem bolschewistischen Kommando erschossen worden.

Auf der Basis umfangreicher Archivstudien haben die beiden in Moskau lebenden Historiker Jurij Buranow und Wladimir Chrustaljow versucht, das Schicksal der Familie Romanow ebenso akribisch wie detailliert zu rekonstruieren. Sie beschränken ihre Recherchen nicht ausschließlich auf den unmittelbaren und engen Familienkreis des letzten Zaren, sondern beziehen auch seine Verwandten mit ein. Die Autoren zeigen, mit welch gnadenloser Härte die Bolschewiki die Familienangehörigen einer „Sippenhaft“ unterzogen, der nur wenige Mitglieder entrinnen konnten.

Untersuchungen über die Herrscherfamilie haben in Rußland Konjunktur. Vor dem Hintergrund eines Paradigmenwechsels in der ehemaligen sowjetischen Geschichtswissenschaft, die in ihren Untersuchungen lange auf die Errungenschaften des Proletariats und seiner Partei, der Bolschewiki, fixiert war, ist diese Rückbesinnung auf „bessere“ Zeiten und die Anknüpfung an verschüttete Traditionen erklärlich. Das Jahr 1993 nimmt dabei eine besondere Stellung ein, wird doch nicht nur des 75. Jahrestags der Ermordung, sondern auch des 125. Geburtstags des letzten Zaren gedacht.

Mit fundamental neuen Ergebnissen vermag die Monographie nicht aufzuwarten. Überdies wird der Leser auf eine harte Probe gestellt. Dies gilt besonders für die ersten drei Kapitel. 115 Seiten, mithin ein gutes Drittel des Werkes, sind dem „Zerfall der Dynastie“ und dem „Leidensweg der Romanows“ von 1916 bis zum Hochsommer 1917 gewidmet. Zwar wird in epischer Breite die Ermordung Rasputins behandelt, über die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Hintergründe, die zur Februarrevolution von 1917 führten, erfährt der Leser hingegen wenig. Als Gründe für die Abdankung des Zaren werden – wenig überzeugend – „Verrat, Feigheit und Betrug“ sowie umfangreiche Intrigen in der Familie Romanow angeführt. Überhaupt wird der innerfamiliären Entwicklung größere Bedeutung beigemessen als der gesellschaftlichen Entwicklung Rußlands. Die Erkrankung der Prinzessin an Masern findet mehr Beachtung als Ursachen und Anlaß der Revolution.

Auch methodisch offenbart das Werk deutliche Schwächen. Seitenweise werden unkommentiert Zitate, zumeist Tagebucheintragungen von Zar, Zarin und Hofdamen, aneinandergereiht. Die zahlreichen Photos sind zu begrüßen, doch überrascht zumindest die Unterschrift zum Bild auf Seite 53 „Nikolaj II. und Thronfolger Alexej an der Front“, das den Thronfolger – ohne Helm, aufrecht stehend in einem Schützengraben – zeigt. Vieles spricht dafür, daß es sich hier um ein Propagandaphoto handelt, aufgenommen in der Etappe, aber kaum in einem umkämpften vorderen Schützengraben.

So bleibt nach der Lektüre ein ambivalenter Eindruck, nicht zuletzt auch deshalb, weil auf Anmerkungen, die Aufschluß über die Fundstellen der zahlreichen Zitate geben könnten, verzichtet wurde. Von den angesprochenen Mängeln abgesehen, handelt es sich um eine über weite Strecken flüssig geschriebene Darstellung, die in Anbetracht ihrer zahlreichen Facetten, zum Beispiel der Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Bolschewiki sowie zwischen den verschiedenen Sowjets in Moskau und Sibirien, trotz des bekannten Ausgangs spannend zu lesen ist.

Lutz Häfner