Von Albert Gerdes

Neuen Stoff für Klimadebatten könnten Eiskernanalysen aus Grönland liefern, die in dieser Woche in der britischen Wissenschaftszeitschrift Nature veröffentlicht werden. Das europäische Greenland Icecore Project (Grip) stellt darin zum ersten Mal Temperaturanalysen der letzten Warmzeit vor, der sogenannten Eem-Zeit vor etwa 150 000 Jahren. Lassen sich daraus möglicherweise Aussagen für unsere Klimageschichte ableiten? Eines steht jedenfalls fest: Die Bohrung in Grönlands Eis förderte Klimakatastrophen in der Erdgeschichte zutage, denen gegenüber alle heutigen Zukunftsängste geradezu lächerlich erscheinen. Die Eiskernbohrungen auf Grönlands Eisdecke sind jedoch nicht nur vom wissenschaftlichen Standpunkt aus interessant. Für die beteiligten Wissenschaftler haftet ihnen noch ein Hauch von Abenteuer an, der im normalen Forscheralltag eher selten geworden ist.

Schon die Anreise zum „Labor“ ist spannend. Da muß man sich zum Beispiel Andy Alsop und dessen zweimotoriger Twin-Otter anvertrauen. Vier Stunden beträgt die Flugzeit von der grönländischen Westküste bis zum Forschungscamp. Bei Eisnebel, – 20 °C Außentemperatur und Sichtweiten um 400 Meter kämpft sich der kleine rote Flieger voran. Und plötzlich werden zwischen aufreißenden Nebelschleiern drei größere schwarze Kuppeln erkennbar, neben denen Alsop wenige Minuten später butterweich landet.

„3250 meter. Top of Greenland. Dome GRIP.“ Das Schild am „Main Dome“ liest sich wie die nachdrückliche Versicherung, daß dies tatsächlich der höchste Punkt des Inlandeises sei. Gipfeleuphorie will sich hier oben jedoch nicht so recht einstellen. Nur die dünne Höhenluft macht sich bei jedem Atemzug unangenehm bemerkbar. Ansonsten Leere. Bis zum Horizont erstreckt sich die weiße, konturlose Ebene.

Vom Flugfeld hinüber zum Main Dome sind es nur ein paar Schritte. Die sieben Meter hohe, mit schwarzem Gummi überzogene Wohnkuppel erinnert von weitem an ein riesiges Iglu. Im Dachstübchen sind Funkgeräte und Telex untergebracht; eine Treppe tiefer dröhnt der Siebzigkilowattgenerator. Hier steht auch die einzige Dusche des Camps. Gleich nebenan sorgt Rudi Pfäftli in einer arg beengten Nische für das leibliche Wohl der etwa vierzig Wissenschaftler.

Zwischen Pizza und Früchtecocktail aus der Dose erläutert Willy Dansgaard, worum es bei dem Tiefbohrprojekt geht: „Um uns ein Bild vom Klima der Vorzeit zu machen, haben wir den Eispanzer zwar schon mehrfach durchbohrt“, sagt der Kopenhagener Geophysiker, „aber nie unter optimalen Bedingungen. Die sind nur in Zentralgrönland gegeben.“ Dort beträgt die Temperatur im Jahresmittel – 32 °C. Damit ist gesichert, daß das eisige Klimaarchiv auf jeden Fall konserviert bleibt.

In der Sommersaison 1990 wurden die ersten 769 Meter Eis erbohrt. Anfang August 1991 waren es bereits 2321 Meter. „Insgesamt erfassen wir etwa dreißig Meßgrößen, darunter die stabilen Isotope des Sauerstoffs. Die geben uns einen Überblick über die Temperaturen der Vorzeit“, so Dansgaard. Als Faustregel gilt: Je weniger Sauerstoff-18-Isotope in einer Probe enthalten sind, desto kälter war es zur Zeit des jeweiligen Schneefalls. Jedes Promille Sauerstoff-18 entspricht dabei etwa 1,5 °C (siehe Graphik).