Der Plan, die zukünftige „Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland“ im Gebäude der Neuen Wache von Karl Friedrich Schinkel unterzubringen, hat ganz grundsätzliche Fragen zum Begriff Monument, aber auch zu Themen wie Bewahrung und Bewältigung historischer Vergangenheit aufgeworfen. Bundeskanzler Kohl hatte seine Idee, dort eine Kleinplastik von Käthe Kollwitz in fünffacher Vergrößerung aufzustellen, mit monarchischem Aplomb durchgesetzt. Nach einem von der Opposition veranstalteten Kolloquium verlangten die SPD-Abgeordneten Conradi und Duve, den übereilig dekretierten Einweihungstermin im November aufzugeben und endlich der interessierten Allgemeinheit Gelegenheit zu geben, öffentlich darüber nachzudenken – und mit größerer Geduld, kurzum, sofort „einen Baustopp zu verhängen“.

Bei der Neuen Wache, die zwischen 1816 und 1818 gebaut worden ist, handelte es sich um einen neoklassizistischen Pavillon, der direkt am Ausgang von Unter den Linden stand und die königliche Wache beherbergte. Nach genau einem Jahrhundert ehrenvollen Dienstes brachten die stürmischen, der Katastrophe von 1918 folgenden Jahre die unterschiedlichsten Projekte für eine modernere Nutzung mit sich: das ging von einer Bankfiliale über den Sitz eines Theaters oder eines Kinos bis hin zu einer Art „preußischer Walhalla“. Seit 1925 zog man unter Hunderten von weiteren Möglichkeiten auch die Neue Wache in die engere Wahl für eine eventuelle Unterbringung des Reichsehrenmals der Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Die preußische Regierung befürwortete diesen Vorschlag, aber die süddeutschen Staaten und vor allem die Heimkehrer-Organisationen waren gegen dieses „seelenlose Gebäude“ inmitten der Berliner „Asphaltwüste“. Lieber hätten sie im Herzen der thüringischen Wälder einen sogenannten Heiligen Hain errichtet.

Im November 1929 wurde das Projekt aufs neue aufgegriffen, diesmal auf Initiative des sozialdemokratischen preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun. Im Juli 1930 bestimmte die Jury eines eilig ausgeschriebenen Wettbewerbes den Sieger unter den sechs zur Teilnahme aufgeforderten Architekten. Heinrich Tessenow erhielt für seinen Entwurf, der sowohl leidenschaftliche Zustimmung wie auch lebhafte Polemiken hervorrief, den Auftrag zur Errichtung des Denkmals. Von den gehässigen Angriffen der konservativen Presse einmal abgesehen, wandten sich die Kritiken vor allem gegen den „fast zu intimen“ Charakter, die „frauenhafte Güte“, wie es der damalige Berliner Stadtbaurat Martin Wagner nannte. Auf der anderen Seite lobten aber auch so angesehene Kritiker wie Werner Hegemann oder wie Siegfried Kracauer die „höchste Strenge und Gediegenheit“ des Entwurfs sowie die „gute Bescheidenheit des Architekten, der den Schmuggel mit metaphysischer Konterbande zu vermeiden gewußt“ habe.

Nach der Einweihung des Denkmals im Juni 1931 entflammten die Polemiken aufs neue. Anonyme Briefe nannten es das „Berliner Judenmal“, und die reaktionäre und nationalsozialistische Presse griff das fertige Resultat aufs allerschärfste an.

Kracauer hat damals das Tessenowsche Werk so beschrieben: Die Halle sei, „was sie zu werden versprach: ein großer kahler Raum mit einem kreisrunden offenen Oberlicht in der Mitte, durch den der Himmel hereinscheint. In dem abwärtsströmenden Licht erhebt sich ein aus Schweden beschaffter schwarzer Granitkubus. ... Rechts und links vom Kranzpostament ragen zwei schmächtige Bronze-Kandelaber hoch, die Kerzenlicht entsenden. Das ist alles. Aber jedes Mehr wäre auch ein Zuviel gewesen.... Als ich heute das Ehrenmal besuchte, fiel Regen durch die Deckenöffnung nieder. Sein Einbruch störte nicht die Architektur, sondern machte sie erst vollkommen. Er rann auf den Fußboden, der sich durch die Feuchtigkeit dunkler färbte, und lief am Granitblock in schmalen, tiefschwarzen Strähnen herunter. Es war, als weinte das Postament.“

Die Geschichte der Entstehung des Denkmals sowie das lange Kracauer-Zitat ergänzen sich zu einer guten Charakterisierung der künstlerischen Natur des Tessenowschen Werkes. Dieses Kunstwerk war wie jedes andere Meisterwerk in der Lage, Protest und Unverständnis, aber auch tiefe Emotionen hervorzurufen und die Wahrnehmung scheinbar unveränderbarer Begriffe zu erneuern. Die wahren Feinde des Denkmals kamen von Anfang an aus den völkischen und konservativen Kreisen.

Wenn wir von einem Meisterwerk der Architektur dieses Jahrhunderts sprechen, dann sollte wenig Raum für Kompromisse sein. Ein solches Werk muß in seiner Gesamtheit restauriert werden, wobei bestimmte Veränderungen beseitigt und die verlorengegangenen Originalelemente wiederhergestellt werden sollten. Ein Vorschlag wie der von Bundeskanzler Helmut Kohl, den Marmorsockel sowie den vergoldeten Eichenkranz von Ludwig Gies durch eine vergrößerte Kopie einer kleinen „Pietà“ von Käthe Kollwitz zu ersetzen, erscheint aus zwei Gründen unannehmbar: Einmal wäre es eine willkürliche Verfälschung des Kollwitzschen Werkes, zum anderen aber auch eine Banalisierung der klaren Abstraktion des Tessenowschen Innenraumes. Wenn Christoph Stölzl, der Direktor des Deutschen Historischen Museums, noch immer den Verdacht zu erwecken sucht, das Tessenowsche Werk sei in irgendeiner Form Teil der Staatsarchitektur der Nazizeit, dann zeigt sich darin nur eigene Unsicherheit. Der wahre Grund zu derartigen Unterstellungen liegt in der beunruhigenden Idee, jemand könne „faschistische“ Spuren zwischen der neoklassizistischen Architektur Schinkels und der schlichten Abstraktion bei Tessenow entdecken. Dabei handelt es sich bei der Spannung, die das Tessenowsche Denkmal ohne Zweifel prägt, eher um diejenige der gesamten Moderne, um jenen leidenschaftlichen Versuch, gerade in der Reduktion der Formen die Wahrheit des Ausdrucks zu finden. Eine solche positive Kraft einfach auszuradieren hieße doch nicht, sich von den gefürchteten politischen und ideologischen Zwiespältigkeiten des Denkmals reinzuwaschen. Tessenow selber hat sich im Jahre 1941 weder zwiespältig noch feige gezeigt, als er den Band Neue Deutsche Baukunst, der der neuen Staatsarchitektur Albert Speers gewidmet war, mit folgenden Worten kommentierte: „Ich liebe gewiß nicht die Eiskälte, die hier dominiert, nicht die stirnrunzelige Kraft, die keine Kraft ist, nicht diese zeichenbrettlichen fassadlichen Massen, die nicht ‚groß‘ sind, und nicht diesen unmenschlichen Ernst, ohne jedes Lächeln.... Ich glaube an eine andere Welt, aber ich glaube doch auch zu wissen, daß diese andere Welt sich nicht einfach hervorzaubern läßt, sondern daß für sie eben die Voraussetzungen fehlen, um die es ja gerade geht.“