Hans Mayer hat die Szene in seinen Erinnerungen festgehalten: Walter Markov, gerade zum Ordinarius für neuere Geschichte an der Universität Leipzig berufen, hält im Jahre 1950 eine Rede bei einer der üblichen Jubelfeiern. Hinterher kommt ein sowjetischer Offizier: "Nun, Genosse Markov, was haben Sie gegen den Genossen Stalin?" – "Wie meinen Sie das?" – "Nun, Sie haben ihn bloß viermal erwähnt!"

Er war ein Kommunist, aber nie linientreu (seit seinem Ausschluß aus der SED 1951 war er parteilos), der Historiker Walter Markov, der am 3. Juli im Alter von 83 Jahren gestorben ist. 1909 im österreichischen Graz geboren, aufgewachsen im slowenischen Ljubljana, studierte Markov seit 1927 an mehreren deutschen Universitäten, zuletzt bei Fritz Kern in Bonn. Hier machte er 1934 seinen Doktor mit einer Arbeit über "Serbien zwischen Österreich-Ungarn und Rußland 1897-1908", also über jene Brandzone vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, die auch heute wieder Europa in Atem hält.

Während die deutschen Historiker mit wenigen Ausnahmen vor Hitler strammstanden (und sich erst von ihm abzuwenden begannen, als dessen Stern im Sinken war), gründete Markov eine antifaschistische Studentengruppe an der Bonner Universität. 1935 wurde er verhaftet und vom Volksgerichtshof zu zwölf Jahren Kerker verurteilt. Die Strafe saß er, fast immer in Einzelhaft, bis zur Selbstbefreiung Mitte April 1945 im Zuchthaus Siegburg ab.

Bereits 1946 siedelte Markov, besorgt über die heraufziehende Restauration in den Westzonen, nach Leipzig über. Dort habilitierte er sich ein Jahr später mit einer Studie über "Grundzüge der Balkandiplomatie". Nach einem kurzen Abstecher nach Halle kehrte er 1949 an die Universität Leipzig zurück, der er bis zu seiner Emeritierung 1974 angehörte.

Seinen internationalen Ruf begründete Walter Markov durch seine Forschungen zur Französischen Revolution. Sein besonderes Interesse galt dem spannungsreichen Verhältnis zwischen Jakobinern und revolutionärer Volksbewegung. Gemeinsam mit seinem Freund Albert Soboul, dem Kopf der sozialistischen Interpretationsschule in Frankreich, veröffentlichte er 1957 einen großen Dokumentenband über die Sansculotten von Paris. Mit seiner vierbändigen Biographie über den "roten Priester" Jacques Roux legte er den Grundstein für die Erforschung der Ertrages, der äußersten Linken in der Französischen Revolution. In ihren über die Jakobiner hinausweisenden Forderungen erkannte Markov bereits die Vorboten einer anderen, der proletarischen Revolution.

Auch bürgerliche Historiker haben Markov Anerkennung gezollt, immer ein wenig mit der gönnerhaften Attitüde: gut, obwohl marxistisch. Nein – gut nicht obwohl, sondern weil marxistisch! Die produktiven Seiten eines dogmatisch nicht fixierten historischen Materialismus – nur wenige haben sie so überzeugend demonstriert wie dieser leise, zerbrechlich wirkende Mann, der doch von einer ungeheuren Energie angetrieben wurde.

Sein geschliffener, eigenwilliger, an den großen Meistern der französischen Geschichtsschreibung geschulter Stil macht die Lektüre jeder seiner über 700 wissenschaftlichen Arbeiten zu einem intellektuellen Vergnügen. Da war nichts vom provinziellen Mief der SED-Geschichtsschreibung, sondern Weitläufigkeit und kosmopolitische Offenheit – und ein ganz ursprüngliches Mitleiden mit den Verdammten dieser Erde. Schon früh wandte sich Markov den nationalen und antikolonialen Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt" zu. In den sechziger Jahren war er Präsident der Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft in der DDR.