Lieben Sie Bobrowski?“ fragte eine heiratswillige Junggermanistin am 29. September 1967 in der ZEIT und offerierte ihrem Zukünftigen „Geschmack“ und „Sensibilität“. Der unscheinbare kleine Zeitungsausriß findet sich in der ersten Vitrine der Ausstellung, die das Marbacher Literaturarchiv dem Leben und Werk des 1965 im Alter von nur 48 Jahren gestorbenen Lyrikers und Prosaautors Johannes Bobrowski widmet.

Mit Bobrowski als literarischem Zahlungsmittel ließe sich heute kein Partner mehr ködern. Das Werk dieses Schriftstellers, der einst als Grenzgänger zwischen den beiden deutschen Staaten Furore machte, ist uns ferner gerückt, als das Vierteljahrhundert vermuten läßt, das uns von seinem Tod trennt. Gerade diese Fremdheit aber macht neugierig auf das, was in Marbach zu sehen ist.

Literatur hinter Glas erinnert immer ein wenig an die Fliege im Bernstein. Selten ist die nature morte des beschriebenen, des bedruckten Papiers so sprechend gemacht worden wie in der von Reinhard Tgahrt kundig komponierten Bobrowski-Schau. Gewiß, auch hier findet der Betrachter, was er gewöhnlich in Literaturmuseen aufgetischt bekommt: Manuskripte, Briefe, Bücher – ein dicht aneinandergedrängtes Gewirr sich ergänzender oder auch widersprechender Stimmen, Texte und Zeugen.

Was in den Marbacher Räumen jedoch zuerst, ins Auge fällt und sich am nachdrücklichsten in der Erinnerung behauptet, sind Bilder:

  • Landschaften aus der ostpreußischen Heimat Bobrowskis, aus denen dieselbe Melancholie aufsteigt, die auch die im Werk beschworene lyrische Kunstwelt Sarmatien konstituiert;
  • oder private Photoserien aus dem Friedrichshagener Heim – Bobrowski am ubiquitären Requisit des Clavichords das Blockflötenspiel Hubert Fichtes begleitend, die Bücherregale und Gemälde im Arbeitszimmer, die Familie, die Freunde;
  • schließlich, wieder und wieder, das fischmäulige Gesicht, das in seiner faszinierenden Häßlichkeit dem des verehrten Hans Henny Jahnn gleicht, mit dem Bobrowski auch der Eigensinn literarischer Rückzugsgefechte verbindet.

Tgahrt hat aber auch mit kühnem Griff die Poesie anschaulich gemacht. Mit Gedichten bedruckte Stoffbahnen schirmen die Fenster der Ausstellungsräume gegen das Außenlicht ab. So vermitteln sie etwas von jener Verzauberung, die Bobrowskis Verse auf ihre zeitgenössischen Leser ausgeübt haben müssen.

In den Vitrinen selbst ist geschickt das biographisch Allzumenschliche zugunsten des Zeitgeschichtlichen, des Exemplarischen beschnitten. Bobrowskis Herkunft aus der konservativen Formkunst der Naturlyriker um Wilhelm Lehmann; seinen umtriebigen Ruhm im Zeichen der deutschen Teilung als Vorzeigepoet sowohl von Sinn und Form wie der Gruppe 47; seinen geselligen Freundeskreis, der so gut wie alle umfaßte, die um 1960 Rang und Namen in der deutschsprachigen Literatur besaßen – das zeigt die Ausstellung in Form eines Lebensgewebes, das zugleich etwas vom Literaturbetrieb der Zeit vermittelt. Wie die ausgesuchten Objekte und vor allem der backsteinschwere Katalog en passant etwa die Geschichte der Gruppe 47, der Rixdorfer Dichter und Maler um Günter Bruno Fuchs oder Robert Wolfgang Schnell, den jungen Christoph Meckel oder den vergessenen Peter Jokostra ins Licht rücken – das ist im besten Sinne lebendige Literaturgeschichte.

Blaß und wenig konturiert bleibt demgegenüber das Leben, das Bobrowski in der DDR geführt hat. Der Katalog zitiert Christa Reinig, die sich eines „Gewebes aus Geborgenheit, Intellektualität und dem Kontrabaß einer Politik“ erinnert, „deren Bedrohlichkeit allgegenwärtig war“.

Gewiß: Das unmittelbar an der Mauer liegende und nur mit einem Sonderausweis zu betretende Gebäude des Union-Verlags, in dem Bobrowski bis zu seinem Tod als Lektor arbeitete, ist zu sehen. Auch des Dichters Mitgliedsausweis der Ost-CDU, die ihm verliehene Otto-Nuschke-Medaille und so manches bedrückende Zeugnis der institutionellen Schikane durch die DDR-Behörden liegen aus. Dennoch hat hier die Ausstellung nicht beharrlich genug nachgehakt und sich in der Gewißheit, einen dem gegenwärtigen Literatur-Streit enthobenen DDR-Autor präsentieren zu können, allzu ungeprüft auf die von Bobrowski selbst behauptete Exterritorialität verlassen: „Ich selber werde mich nicht auf ostdeutsch firmieren lassen, sowenig wie ‚auf heimlich westdeutsch‘“.

Ein mutiger Bekenner – das zeigt der gleichzeitig erschienene Briefwechsel mit Peter Huchel („Marbacher Schriften 37“, 74 Seiten, 14 Abb., 30,– DM) – war er nicht. Huchels Brief vom Februar 1963, in dem er Bobrowskis klägliches „Unvermögen“, auf seinen erzwungenen Rücktritt von der Sinn und Form-Redaktion überhaupt zu reagieren, beim Namen nennt, ist ein menschlich bewegendes Dokument.

Daß Bobrowski zu einer solchen Haltung weder fähig noch willens war, besagt nichts gegen sein Werk. Schon eher befremdet da die verständnislose Ausflucht vor der Lyrik Celans, befremdet die sentimentalische Nobilitierung des eigenen Schreibens im Rückgriff auf Klopstock, Hamann und Herder, weil sie vermuten läßt, daß hier einer vor den Anforderungen des eigenen Talents die Waffen gestreckt hat.

Und so überliefert denn die Marbacher Ausstellung das Bild eines Dichters, der, im sozialistischen Arbeiter-und-Bauern-Staat lebend, mit der rastlosen Naivität eines Sonntagmalers an sich die Züge des Feinsinnigen, Liebenswürdigen, kindlich Skurrilen kultivierte – als sei in der Kunst Platz für die einträgliche Liaison von Stilmöbel und Nierentisch. – (Die Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv, Marbach am Neckar, ist bis zum 31. Oktober, täglich von 9 bis 17 Uhr, geöffnet. Der Katalog kostet an der Museumskasse 40,– Mark.)

Uwe Schweikert