Von Jörg Albrecht

Als der Geheimrat Goethe einst nach Clausthal kam, um im Auftrag seines Herzogs Bergbauspionage zu treiben, lautete sein Resümee: "Ward mir sauer." Zu beschwerlich geriet ihm der Ritt durch den Oberharz. Noch heute ist die Bergstadt nicht ganz leicht zu erreichen. Und so heißt es denn über die TU Clausthal: Deutschlands einzige Hochschule ohne Bahnanschluß, dafür pro Jahr zwei Wintersemester. Es gibt Tage, da kommen in 600 Meter Höhe Sturm, Nebel, Regen und Schnee gleich auf einen Schlag zusammen – im Studentenjargon "Springerwetter" genannt, weil, so will es ein hartnäckiges Gerücht, sensible Kommilitonen dann angeblich dazu neigen, sich von der Staumauer der nahe gelegenen Okertalsperre zu stürzen.

16 000 Einwohner, davon 4000 Studenten, davon 85 Prozent männlich – Clausthal-Zellerfeld ist schon ein ungewöhnlich überschaubarer Studienort. Die Technische Universität, die Mitte der sechziger Jahre aus der 1775 gegründeten Bergakademie hervorging, ist denn auch das Gegenteil einer Massenhochschule. Wenn eine Vorlesung ausfällt, kann es passieren, daß die Hörer persönlich benachrichtigt werden. Und die Sekretärin im Prüfungsamt, so wird gern erzählt, kennt alle Kandidaten beim Namen und wirft sie telephonisch aus dem Bett, falls sie einen Termin verschlafen haben sollten.

"Wer hierher kommt", weiß der Prorektor Georg Müller, "der hat sich das meist gründlich überlegt. Entweder ist er sportlich, oder er ist entschlossen, sein Studium straff durchzuziehen." In der Tat wird außer einem umfangreichen Sportprogramm wie Segeln, Skilaufen, Fechten oder Wildwasserkanu wenig Ablenkung vom Studium geboten. In einer Stadt, wo die Kneipen entweder "Anno Tobak" oder "Sockenschuß" heißen, sind die Nächte nicht gerade von Kreuzberger Qualität, auch wenn es in Abwandlung eines bekannten Werbespruchs heißt, Bier sei alles, was ein Clausthaler brauche. Außerdem wird viel gegrillt, in und um Clausthal herum, oder man geht "teichen", das heißt, man besucht gemeinsam einen der vielen Dutzend Bergwerksteiche.

Es läßt sich nicht leugnen: Die TU Clausthal hat ein Imageproblem. Da oben auf dem Berg wird Bergbau studiert, lautet das landläufige Vorurteil. Dabei waren im vergangenen Wintersemester gerade noch 372 Studenten im klassischen Bergbaufach eingeschrieben, weitere 21 studierten Markscheidewesen. Die eigentliche Domäne liegt längst in den Ingenieurfächern, in der anwendungsorientierten Naturwissenschaft. Was das Niveau der Clausthaler Forschung und Lehre betrifft, so gehen die Einschätzungen weit auseinander. Der Spiegel setzte die Universität bei seiner jüngsten Umfrage in den Fächern Chemie und Maschinenbau an die Spitze aller deutschen Hochschulen und kürte sie vor vier Jahren gar zur zweitbesten Uni der Republik. Der stern andererseits verwies sie auf den drittletzten Platz und mochte ihr allenfalls in puncto Praxisnähe ein gewisses Mittelmaß zugestehen.

Nun sprechen solche Divergenzen eher gegen die Methode des ranking als gegen die fragliche Hochschule. Das verhinderte allerdings nicht, daß sich in Clausthal die Zahl der Neuimmatrikulationen im Jahr der Spiegel-Ehrung von 400 auf 800 verdoppelte. Gleichwohl: Noch immer ist das Verhältnis von Professoren zu Studenten mit eins zu vierzig ein Traumwert. Und was das Renommee angeht, so verweist man in Clausthal selbstbewußt auf eine andere Größe, nämlich die der Drittmittel. Rund dreißig Prozent ihres Etats finanziert die TU aus Sonderzuwendungen, und das zeugt zumindest davon, daß die Qualität der Forschung nicht die schlechteste sein kann.

Stolz ist man im Fachbereich Maschinen- und Verfahrenstechnik beispielsweise auf ein Sonderprogramm zur "Konstruktion verfahrenstechnischer Maschinen bei besonderen mechanischen, thermischen und chemischen Belastungen", das seit 1986 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Stolz ist man auch darauf, daß sich selbst bei Massenübungen kaum mehr als zwanzig Teilnehmer drängen. Es geht familiär zu, man kennt sich, und es kann schon mal passieren, daß der Student den Assistenten im Supermarkt an der Käsetheke trifft und ihm seine Zeichnung unter die Nase hält: "Eh, ich hab’ hier mein Getriebe, kannst du dir das mal ansehen?"