Von Friedemann Bedürftig

Eine "Enzyklopädie des Holocaust": In drei schweren Lexikonbänden von fast 2000 Seiten wird das Grauen buchstabiert, das über allen Verstand geht und in der alphabetischen Reihung eine Ahnung von seiner Millionenhaftigkeit und seiner damaligen Allgegenwart vermittelt.

Zu Recht haben die deutschen Herausgeber das Wort "Enzyklopädie" übernommen. Im Deutschen nämlich bedeutet es mehr als "Lexikon", nämlich systematische Anordnung und Wahrung der Zusammenhänge. Zwar hat man die Systematik zugunsten des besser zu handhabenden Alphabets aufgegeben, uneingeschränkte Ausführlichkeit jedoch sorgt für jeweils umfassende Information über Länder und Städte, Lager und Gesetze, Geschichte und Ideologie, Täter, Retter, Opfer und Verfolgungsaktionen, Zeitumstände und Ausblicke – kurz: Es bleibt kaum ein Aspekt der "Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden", so der Untertitel, unausgeleuchtet. Ein vorzügliches Register und ein sorgfältiges System von Querverweisen erschließen auch entlegene Details.

Bewußt wurde als Hauptperspektive die der Opfer gewählt. Gerade hierin liegt ein Erkenntnisgewinn auch für gut Unterrichtete: Was über die Gettos, die Judenfeindschaft in anderen Ländern, die Selbsthilfeorganisationen, den jüdischen Widerstand (zum Beispiel die Waldjuden), die Zusammenarbeit mit den Partisanen, aber auch mit den Verfolgern ausgebreitet wird, das alles ist sonst nur schwer auffindbar.

Die Enzyklopädie ist ein jüdisch-israelisches Unternehmen, das schon vor vielen Jahren in Angriff genommen wurde und zunächst auf englisch erschien. Die deutsche Version hat den Verfolgeraspekt wieder stärker berücksichtigt, allerdings ohne Akzentverschiebung und manchmal für die hiesige Zielgruppe vielleicht auch noch nicht weitgehend genug. Bewahrt ist auch – für deutsche Kompendien durchaus nicht selbstverständlich – die Lesbarkeit der Vorlage. Die Lektüre etwa des knapp zwanzigseitigen Artikels "Antisemitismus", flankiert vielleicht noch durch den zwölfseitigen Beitrag "Rassismus", informiert so eingehend, daß Nichtspezialisten kaum weitere Literatur werden heranziehen müssen. Wenn sie es bei diesem Thema dennoch tun, dann weil sie hier Anregungen bekommen, die Interesse wecken. Die Verweisungen tragen immer weiter durch den "Archipel Endlösung", bis man fassungslos vor der Frage steht, ob denn wirklich nur so wenige von so wenigem gewußt haben.

Insofern ist es schade, daß dieses Riesenwerk erst so spät erscheint. Wenn alle, die es zum bohrenden Fragen bei den noch lebenden Zeitzeugen anregen wird, schon vor Jahrzehnten gefragt hätten, wäre die Legende vom "schrecklichen Geheimnis" (Walter Laqueur) vielleicht relativiert worden und weniger zählebig. Andererseits gewinnt die Darstellung durch die immer bessere Quellenlage, wegen der weitgehend abgeschlossenen juristischen Aufarbeitung, mit zunehmendem Abstand und aktuellen Gründen an Verläßlichkeit und Bedeutung.

Selbstverständlich kann eine Enzyklopädie Dokumente und Zeugenaussagen nur zitieren, die sich ihrerseits wiederum bezweifeln lassen. Doch die dargebotene Beweisfülle ist so erdrückend, daß zur Leugnung schon ein mentaler Defekt oder aber kriminelle Energie gehört. Lehrer jedenfalls, die von verhetzten Schülern mit der "Auschwitz-Lüge" konfrontiert werden, haben hier in dem entsprechenden Artikel eine Zusammenfassung der Argumente, wie sie in der Präzision (knapp sechs Seiten) und Eingängigkeit kaum irgendwo geboten wird.