Von Jutta Scherrer

Gogols Trojka der voranstürmenden, rasselnden Pferde, mit denen das zweite Programm des staatlichen russischen Fernsehens die Abendnachrichten einleitet, wird mehr und mehr zur Farce. Ein zutreffenderes Bild gibt der „Revisor“ mit seinem Schluß, da alle Beteiligten erstarren und mit offenstehenden Mündern auf eine Welt blicken, die sie nicht mehr verstehen. Rußland weiß heute nicht mehr, was es ist. Dennoch geht in dem immer wieder erstaunlichen Land das Leben weiter. Es braucht nur Geduld und Ausdauer, um unter den Schlacken der Auflösung das Neue und im Chaos das Schöpferische zu bemerken. Eine zivile Gesellschaft ist sichtbar im Entstehen begriffen. Der Übergang zum kapitalistischen Markt ist rüde, die Scheidung von staatlichem und privatem Kommerz ungelöst. Bisweilen ziehen die bisher Benachteiligten hieraus einen Vorteil. Das zeigt die Geschichte, die sich in einem der elegantesten Gebäude des Moskauer Klassizismus zutrug. Von dem Architekten Kasakow 1793 fertiggestellt und nach dem großen Stadtbrand 1812 von Domenico Gilliardi restauriert, residierte hier bis 1953 die alte Moskauer Universität. Danach wurde der Großteil des akademischen Betriebs in den protzigen Stalinbau auf den Lenin-Hügeln verlegt. Die angesehensten Fakultäten verblieben jedoch weiterhin im Zentrum, in Sichtweite des Kremls, darunter die Fakultät für Journalismus. Wie zahlreiche renommierte Einrichtungen dieser Tage kommt auch sie mit den staatlichen Zuwendungen allein nicht mehr aus. Was in derartigen Fällen im heutigen Rußland gang und gäbe ist: Man vermietet einen Teil seiner Räumlichkeiten. Daß es sich um Staatseigentum handelt, spielt keine Rolle. Mangels neuer Gesetze setzt sich der neue Wirtschaftsliberalismus über alles, was nicht explizit verboten ist, mit Nonchalance hinweg.

Niemand nahm daher Anstoß, daß in die vormalige Hochburg der kommunistischen Propaganda eine jüdische Universität einzog. Freilich liegt sie im Dachgeschoß. Der Weg dorthin führt unabänderlich an einer massigen Leninskulptur vorbei, die das Vestibül des säulengeschmückten klassizistischen Kuppelbaus noch immer ideologisch verstellt. Dann aber – „Sesam öffne dich“ – tut sich die Welt hebräischer Schriftzeichen auf. Junge Männer mit der Jarmulke auf dem Kopf beugen sich andächtig über bisher unzugängliche Texte, junge Mädchen machen sich ernsthaft in der Bibliothek zu schaffen oder kochen, ebenso ernsthaft, den hier wie andernorts in Rußland üblichen Tee. Der Vizerektor, auf dem Sprung zu Sponsoren im reicheren Sibirien, gibt trotz erkennbaren Hast freundlich und ausführlich Auskunft.

Sie verstehen sich nicht als orthodoxe Institution, und es liegt ihnen, den Gründern der jüdischen Universität, nicht an Mission und religiöser Rückgewinnung derer, die vom jüdischen Glauben ihrer Väter und Vorväter längst nichts mehr wissen. Schon gar nicht geht es um eine didaktische, akademische Vorbereitung zur Auswanderung nach Israel, auch wenn der israelische Staat seine Broschüren zur Repatriierung haufenweise ausliegen hat.

Wie es einer wahren Universität geziemt, geht es einzig um Wissen und Vermittlung von Wissen: der althebräischen Kultur, der alten jüdischen Sprachen, der Archäologie, dem Vergleich mit den Nachbarkulturen des Altertums. Angeboten werden seit letztem September Biblisches sowie Modernes Hebräisch, Vorlesungen über den Talmud, den Zionismus, die jüdische Politik der Sowjetunion („Der Holocaust auf dem Territorium der Sowjetunion“ ist einer der Titel), über die historische Demographie der Juden in Rußland, ihre Situation in den Nachfolgestaaten des Sowjetimperiums, über den Staat Israel.

Der Vizerektor ist selber ein ausgewiesener Kenner der Antike und nach wie vor an einem ’Institut der Akademie der Wissenschaften tätig. Auch andere Dozenten, hierunter ausgewiesene Gelehrte wie der Mediävist Aron Gurewitsch oder der Islamist Rashid Kaplanow, geben ihre ursprünglichen Lehrstätten nicht auf. Noch weiß die jüdische Universität trotz Unterstützung eines Fonds amerikanischer Juden nicht, wie den jeweils nächsten Monat bestreiten. Doch darüber zerbricht man sich nicht über Gebühr den Kopf. Abwarten und Tee trinken, heißt es hier wie überall.

Kürzlich ist die erste Veröffentlichung der Moskauer jüdischen Universität erschienen. Der Sammelband veranschaulicht das breite Spektrum der heutigen Judaika auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Eine andere seit vier Jahren in Petersburg bestehende jüdische Universität, unlängst gegründete jüdische Schulen, wissenschaftliche und gesellschaftliche jüdische Organisationen zeigen das lebendige Interesse an der lange verlorenen Vergangenheit. Im Sammelband geht es weniger um die universale jüdische als um die jüdisch-russische Kultur. Im Zentrum stehen Analysen über die Lage der Juden im zaristischen Imperium, in der Sowjetunion, vor allem aber im heutigen Rußland. Ein wenig seltsam mutet die Behauptung der Soziologen L. Gudkow und A. Levinson schon an: Militante Antisemiten stellen ihren Umfragen zufolge heute eine ganz geringe Minderheit dar; da die Juden nichtsdestoweniger in kürzester Zeit Rußland verließen, werde der Antisemitismus, sagen sie voraus, hier in Zukunft ohne die Juden auskommen müssen.