Von Pierre-Marie Gallois

PARIS. – Roland Dumas, der ehemalige Außenminister Frankreichs, brauchte fast zwei Jahre, ehe er endlich „die erdrückende Verantwortung Deutschlands und des Vatikans für die Verschärfung der jugoslawischen Krise“ beim Worte nannte. Wäre er nicht durch und durch Diplomat, hätte der Minister erklären müssen, daß Deutschland – und der Vatikan – nicht bloß für die Verschärfung, sondern ebenso für Vorbereitung und Ausbruch dieser Krise Verantwortung tragen.

Die Schwäche Moskaus, wiewohl vermutlich bloß vorübergehend, der Zusammenbruch der kommunistischen Parteien, der Triumph der Marktwirtschaft weckten den Nationalismus. Fast gleichzeitig betrat das wiedervereinte Deutschland diskret die Bühne in Mitteleuropa, dessen Neuordnung es beeinflussen möchte. Die föderative Volksrepublik Jugoslawien bot Bonn dafür prompt ein Betätigungsfeld.

Die Zergliederung dieses Landes und die engere Ankoppelung von Kroaten und Slowenen an die deutsche Wirtschaft brachten zum einen die Emanzipation jener Völker, die einst mit den Imperien in der Mitte Europas und dann mit dem „Dritten Reich“ verbündet waren. Es bedeutete zum anderen eine Bestrafung der Serben, die so hartnäckig zu den Siegern der beiden Weltkriege gehalten hatten. Und drittens brachte es die letzten Reste jener Verträge zum Verschwinden, durch die Deutschland zweimal für seine Niederlagen bestraft wurde. Kurz, durch die Allmacht der Wirtschaft wurde zurückerobert, was durch die Waffen verlorengegangen war.

Lange galten die beiden Wirtschaftsriesen Deutschland und Japan als politische Pygmäen. Damit geht es zu Ende. Gewiß, der Wiederaufbau Ostdeutschlands wird teuer. Deutschland gibt zu Hause wie in Osteuropa viel aus. Doch diese Investitionen werden sich weit mehr lohnen als etwa Frankreichs Ausgaben auf drei Kontinenten. So finden sich unsere deutschen Nachbarn heute in derselben Lage wieder wie vor gut einem Jahrhundert. Genau wie damals Bismarck den Eifer der Pangermanisten bremste, mäßigt heute zwar ein Helmut Kohl die Fürsprecher einer verfrühten Expansion. Aber die politische Geographie im Zentrum Europas und die europäische Integration arbeiten gemeinsam einer künftigen deutschen Vorherrschaft zu.

Im Norden müssen sich die Deutschstämmigen zwischen Königsberg und Westpolen nur noch dem Vaterland anschließen, im Süden rückt Österreich näher. Und dort im Süden, in Belgrad, sind die alten Pläne von Großungarn unvergessen, das die serbische Vojvodina schlucken wollte. Und die Waffen für Kroatien, die den Weg über Ungarn nehmen oder von dort kommen, wecken manch schlechte Erinnerung.

Schon redet man von einem Großbulgarien, das Ostserbien amputieren und sich Mazedonien eingliedern könnte, schon spricht man von einem großen Albanien, das an Montenegro nagt, am Kosovo, an Mazedonien. Ungarn, Bulgarien, Albanien – alles Verbündete Deutschlands im Kriege. Auch Athen wird unruhig: Bald könnten im Norden achtzig Millionen Deutsche ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluß bis in den letzten Winkel des Balkans ausspielen – und im Süden sitzen achtzig Millionen Türken.