Gelegentlich wünschen wir uns schon mal eine Tarnkappe und damit die Chance, uns in einer peinlichen Situation ungesehen verflüchtigen zu können. So wie kürzlich, als uns im Urlaub auf einer Baleareninsel, der naturgemäß ganz innerer Entspannung gewidmet sein sollte, eine Schlagzeile entgegensprang, vergleichbar einem Fanfarenklang, mit dem zur Attacke geblasen wird: „Mallorca soll deutsch werden.“

Zu lesen in jenem Boulevardblatt, das immer schon da ist, wenn Bundesbürger an ihren Ferienorten eintreffen. Und das die gehobenen Stände mit gleicher Inbrunst goutieren wie jene schlichten Menschen mit dem bescheidenen Verstand, die traditionell als Alibi für die Existenzberechtigung des seichten Lesevergnügens herhalten müssen.

Dieser ebenso verspätete wie entlarvend mißglückte Aprilscherz war wohl – Esprit und Originalität des Einfalls können da kaum Zweifel lassen – der Kreativität blatteigener Schreiber entsprungen, die dann, als „Reporter“, die Wirkung des eigenen Windeis zu recherchieren vorgaben. Der Übereinstimmung mit ihren Lesern gewiß, konnten sie das Copyright für die Sommerente getrost „Bonner Abgeordneten“ zuschreiben.

Der Anschluß der Mittelmeerinsel, die zum 17. Bundesland der deutschen Republik werden soll, wurde mittels Aufkauf von Mensch und Materie zum Pokerpreis von fünfzig Milliarden Mark ins Auge gefaßt. Im Falle unerwartet harten Widerstands würde man auch eine 99jährige Pacht erwägen.

Für die alsbaldige Eingemeindung wurde scheinbar zwingende Logik ins Feld geführt: Schließlich, hieß es, lebten auf Mallorca inzwischen mehr Deutsche als Spanier – womit die Unerträglichkeit der Situation beschrieben war, daß mancherorts auf der Insel tatsächlich noch immer Spanisch gesprochen wird. Es kann sich da wohl nur ums dienende Personal handeln, das in zäher Rückständigkeit die Zeichen der Zeit nicht zu deuten weiß und deshalb dumpf am überkommenen Idiom festhält. Denn längst haben ja, wie wir weiter hörten, Bundesbürger die Restaurants, Boutiquen und touristischen Immobilien fest im Griff, eben alles, was Ordnung, Effizienz und Reibach garantiert.

Jedes Jahr zwei Millionen deutsche Touristen auf Mallorca! hämmerte es uns entgegen. Das saß. Da wollen nun auch wir nicht kleinlich sein und nörgeln, weil eine halbe Million dazugeschummelt wurde und die Deutschen nicht mal die Hälfte aller Mallorca-Touristen ausmachen.

Nein, es ist besser, daß wir uns auf „die Geschichte“ besinnen, die aus früheren Zeiten herüberwebt in unsere Gegenwart, und daß wir uns ihrer Botschaft nicht verschließen. Zumal, dem allgemeinen Bildungsnotstand zum Trotz, uns das Sieben-Groschen-Blatt darüber aufklärte, daß Mallorca schon einmal deutsch gewesen ist – nämlich zu Zeiten der Vandalen!