Von Hakki Keskin

HAMBURG. – Unter den Minderheiten in der Türkei bilden die Kurden die größte Gruppe: schätzungsweise acht bis zehn Millionen, also ein Fünftel der Bevölkerung. Doch die Herrschenden unterschlagen diese beachtliche Volksgruppe und behaupten, jeder türkische Staatsbürger sei auch Türke.

Griechen, Armenier und Juden, die seit Jahrhunderten als türkische Staatsbürger in der Türkei leben, können ihre Kinder auf eigene private Schulen schicken, ihre religiöse und kulturelle Identität am Leben erhalten. Den Kurden wird dies verwehrt.

Das Recht, die Muttersprache zu sprechen und die eigene Kultur zu pflegen, ist ein Menschenrecht. Der Staat muß es gewährleisten. Im übrigen ist das Nebeneinander verschiedener Kulturen eine Bereicherung.

Jahrhundertelang lebten Türken und Kurden in der Türkei friedlich, ja brüderlich zusammen. Die herrschende Klasse aber unterscheidet nicht zwischen kurdischer und türkischer Volksgruppe und hat deshalb auch den Forderungen der Kurden keine Beachtung gezollt. Im Osten und Südosten der Türkei leben fast nur Kurden; sie sprechen überwiegend Kurdisch miteinander. Trotzdem wird in den Schulen und Behörden ihrer Dörfer oder Städte Türkisch gesprochen. Es ist aber zum Beispiel erforderlich, daß in den Schulen neben dem Türkischen auch das Kurdische gelehrt wird, daß Kurden in ihrer eigenen Sprache Publikations- und Sendemöglichkeiten erhalten.

Die herrschende Klasse der Türkei ignoriert die Existenz der Kurden, sie sieht den kurdischen Staatsbürger als türkischen an, der auch nicht unterschiedlich behandelt wird. Er kann General, Professor, Minister und auch Regierungschef werden. Er kann auch dieselben sozialen und ökonomischen Rechte in Anspruch nehmen.

Das enorme regionale Gefälle bei den Einkommen, der Industrialisierung und der Infrastruktur ist eine Folge der ungleichen Entwicklung des kapitalistischen Systems. Aus diesem Verständnis wird der kurdischen Volksgruppe kulturelle Gleichheit nicht zuerkannt. Warum aber soll es zukünftig nicht eine Regionalregierung geben, in der die Kurden dort, wo sie mehrheitlich leben, Erziehung, Kultur und ökonomische Entwicklung in eigene Verantwortung übernehmen? Die bundesstaatliche Ordnung Deutschlands könnte dafür ein Beispiel sein.