Von Heinz-Günter KemmerAls Alfred Pfeiffer den Aktionären der Viag vor etwas mehr als einem Jahr die Zukunftsperspektiven ihres Unternehmens erläuterte, kam das Bayernwerk nur am Rande vor. Die energiewirtschaftlichen Aktivitäten des Konzerns – so der Vorstandsvorsitzende – lägen überwiegend im Bereich des Bayernwerks. Und das war’s dann auch schon.

Im Oktober 1992 aber sah alles ganz anders aus. Da überraschte das Bündnis Bayernwerk und Viag die Öffentlichkeit mit der Nachricht, der Bayernwerk-Vorstandsvorsitzende, Jochen Holzer, werde schon bald in beiden Unternehmen den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen und die gemeinsamen Interessen koordinieren. An mehr war damals nicht zu denken, weil der Freistaat Bayern, mit gut 58 Prozent des Kapitals von 932 Millionen Mark der Mehrheitsaktionär des Bayernwerks, nicht daran dachte, sich von seinem „Tafelsilber“ zu trennen.

Dieser Staatsbesitz schien einer noch innigeren Verbindung der beiden Unternehmen im Wege zu stehen. Zwar ist die Viag mit beinahe 39 Prozent an dem Stromproduzenten beteiligt, zwar hält das Bayernwerk umgekehrt direkt und indirekt ein Viertel der Viag-Aktien, aber solange sich der Freistaat nicht von einem Teil seiner Bayernwerk-Aktien trennt, kann die Viag nicht die Mehrheit erwerben.

Seit der vorigen Woche hat sich die Lage erneut geändert. Da verkündete der bayerische Finanzminister Georg von Waldenfels, das Land sei durchaus bereit, sich von seinen Industriebeteiligungen zu trennen, im Prinzip auch von der am Bayernwerk. So ist geplant, die Landesbeteiligung zunächst von 58 auf 50,1 Prozent zu senken. Dann soll der Stromversorger mit der Viag fusioniert werden. Bayern würde dabei Aktien der Viag in derzeit noch unbekannter Höhe erhalten und könnte sich davon bei Bedarf und Laune über die Börse trennen.

Voraussetzung für die Fusion ist natürlich, daß die Viag ihr Hauptquartier von Bonn nach München verlegt. Das 1923 vom Deutschen Reich gegründete Unternehmen, in das der Staat damals einen großen Teil seines Industriebesitzes einbrachte – Viag steht für Vereinigte Industrie-Unternehmungen AG –, wird bajuwarisiert. Auch im Aktionärskreis werden die Bayern das Sagen haben. Neben dem Freistaat gibt es nämlich noch eine ganze Phalanx bayerischer Eigentümer. Da ist zunächst die Isar-Amperwerke AG, die zum Einflußbereich des ehemaligen Bankiers August von Finck gehört und derzeit rund dreizehn Prozent der Viag-Aktien hält. Weiter wird vermutet, daß von Finck den Erlös aus dem Verkauf seines Bankhauses zu erheblichen Teilen in Viag-Aktien angelegt hat und zusätzlich zu seiner indirekten Beteiligung über Isar-Amper mindestens noch einmal den gleichen Anteil hält. Schließlich kann man davon ausgehen, daß weitere zehn bis fünfzehn Prozent der Viag-Anteile bei bayerischen Banken liegen – eine wahrhaft weiß-blaue Veranstaltung also.

Hinter diesen „folkloristischen“ Aspekten stehen jedoch handfeste wirtschaftliche Interessen: Die Bayern wollen ein Gegengewicht zu der „preußischen“ Veba und dem rheinischen RWE schaffen. Intern spricht man deshalb auch von der „Veba Süd“. Die Bayern haben keineswegs jene Zeiten vergessen, in denen sie bei der Energieversorgung von den Ruhrbaronen abhängig waren, in denen Energie im Süden der Republik grundsätzlich teurer war als im Norden und in der Mitte.

Den ersten Befreiungsschlag führten die Bayern schon in den sechziger Jahren, als der damalige Wirtschaftsminister Otto Schedl die Ansiedlung von Raffinerien in Süddeutschland förderte und damit erreichte, daß Benzin und Heizöl in Bayern nicht mehr teurer waren als in anderen Teilen der Bundesrepublik. Und beim Strom befreite die Kernkraft den Freistaat von Joch der Ruhr und der rheinischen Braunkohle.