Von Jens Prüss

Ein Mann brachte sich kürzlich auf einer vielbefahrenen deutschen Autobahn unnötig in Lebensgefahr. Obwohl er mit einem kleinmotorigen ostdeutschen Modell fuhr, ließ er nicht ab, Lastwagen und Wohnmobile zu überholen. Wenn er durch Raser von der Überholspur gedrängt wurde, hielt er ein Schild gut ans Fenster, auf dem stand: „Wir müssen das ‚Ich‘ ganz kleinschreiben.“

Die Reaktionen auf diesen Spruch waren so heftig, daß der gute Mensch nach einer Stunde die Aufklärungsfahrt abbrechen mußte.

Daß man ihm einen Vogel gezeigt habe, sei noch das Geringste gewesen, berichtete er der Polizei, die ihn in seinem Wagen fand, der auf dem Dach im Graben lag. Einer sei bei Tempo 130 wild gestikulierend neben ihm hergefahren und habe plötzlich mit einer Pistole auf ihn gezielt. Ein Motorradfahrer hätte ihm zugerufen, nachdem er gefährlich nahe an ihn herangeschwenkt war (vermutlich war er kurzsichtig): „Fahr Landstraße, wenn du dir keine schnelle Kiste leisten kannst, Versager!“

Zweimal hätten sich Fahrer, nachdem sie wieder freie Bahn hatten, brutal vor ihn gesetzt und derart heftig abgebremst, daß er einen Zusammenstoß nur durch das Ausweichen auf den Standstreifen vermeiden konnte.

An einer Tankstelle entkam der Mann der Prügelstrafe nur durch einen Blitzstart. Gottlob hatte er den Aufschrei in seinem Rücken – „Da ist ja das linke Arschloch!“ – auf seine Person bezogen. Im Rückspiegel sah er zwei Yuppies mit wutverzerrten Gesichtern hinter seinem Wagen herstürmen.

Als Grund für die tollkühne Belehrungsaktion gab der Mann an, er sei CDU-Mitglied und habe dem Kanzler helfen wollen. Schließlich hatte Helmut Kohl vor kurzem auf dem kleinen CDU-Parteitag die Bürger aufgerufen, angesichts der gigantischen wirtschaftlichen Probleme das „Wir“ ganz großzuschreiben und neben Fleiß und Zuverlässigkeit auch mehr Rücksicht auf den Mitmenschen zu zeigen. Der Mann wurde zur Beobachtung in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.