Von Christian Füller

Mathe-Büffeln auf Schloß Rheinsberg, dem Idyll des Tucholskyschen Bilderbuchs für Verliebte? „Nein“, wehrt Janou Hennig ab, „einen Nachmittag hatten wir keine Mathematik. Wir besuchten die Tucholsky-Ausstellung in Rheinsberg, und darüber wurde heftig diskutiert.“ Die Zeit dazu fanden 120 Studenten der Berliner Technischen Universität (TU) bei einem ungewöhnlichen Seminarausflug. Der Mathematik-Professor Udo Simon lud die Teilnehmer seiner Einführungsvorlesung für eine Woche nach Lindow, einer Sportschule nördlich von Berlin, um den Stoff der beiden zurückliegenden Semester nachzubereiten. Für die Uni-Neulinge wurde der Studienaufenthalt viel mehr: ein didaktischer Musterfall dafür, wie Lehre in Zeiten der Massenuniversität aussehen muß, wenn sie erfolgreich sein will.

Das Studium in Mathematik beginnt für die neu Immatrikulierten der TU, obwohl in der Regel die Besseren ihres Abi-Jahrgangs, oft mit einer Überraschung. „Es gibt schlagartig eine Leistungsdifferenzierung“, beschreibt Udo Simon die Situation nach den ersten Vorlesungen. An der Uni hätten die frisch Hochschulreifen nicht mehr die Möglichkeit, auszuruhen oder zu wiederholen. Dazu sei die Stoffvermittlung zu kompakt. Die Folgen sind eine hohe Studienabbrecherquote und eine Studienzeit von durchschnittlich 13,7 Semestern in Mathematik. Egal ob in der Physik, den Lehramtsstudiengängen oder der Wirtschaftsinformatik: Mathematik gilt in der TU als „Achillesferse“.

Einen „Turm von Angst vor den Prüfungen“ hätten die Studierenden, so schildert Christine Keitel-Kreidt die Auswirkungen des normalen Lehrbetriebs an der Berliner Straße des 17. Juni, wo knapp 40 000 Studenten an der Technischen Universität eingeschrieben sind. Christine Keitel-Kreidt, die sich dort als erste Frau in Mathematik habilitierte und ihr Fach mittlerweile als Didaktikerin in mehreren internationalen Gremien vertritt, weiß, warum. Das Band zwischen Lehrenden und Lernenden ist gerissen. Die Vorlesungen vor mehreren hundert Studenten sind zu „standardisierten Lehrveranstaltungen“ ohne Kontakt zum Professor verkommen. Die eigentliche Stoffvermittlung erfolgt in den Übungen – durch studentische Tutoren. „Die tragen die Hauptlast der Lehre in Mathematik. Ihren Professor sehen manche Studierende zum ersten Mal in der Prüfung unter vier Augen“, sagt Frau Keitel-Kreidt, die den Simonschen Einführungskurs in die Mark Brandenburg begleitete.

In Lindow begegneten die Mathematikstudenten ihren Kommilitonen einmal anders – mit mehr Zeit. Nur ins vormittägliche Programm hatte ihr Professor obligatorisch Mathe-Übungen zur Linearen Algebra geschrieben. Am Nachmittag konnten die Studierenden den Stoff freiwillig vertiefen. Und nach Affiner Geometrie oder Linearer Optimierung lernten sich die TUler in der Schwimmhalle der Sportschule oder beim Volleyball kennen. „In der Uni werden die Studierenden allein gelassen“, sagt Simon. Das erste Ziel in Lindow war daher, „die soziale Isolation aufzuheben, die im Studium herrscht“. Der 55jährige erhoffte sich davon einen Motivationsschub für das eigentliche Sujet, die Mathematik.

Finanziell den Rücken frei hielten der universitären Ausflugsgesellschaft der Stifterverband der Deutschen Wirtschaft, Hans-Böckler-Stiftung und TU. Und so konnten sich die Neunzehn- und Zwanzigjährigen in ihrem dritten Semester endlich mal unbelastet von Alltagssorgen der Mathematik nähern. Einmal streng im abgegrenzten Themengebiet der Linearen Algebra, zum andern über die beruflichen Perspektiven der Mathematik. Ehemalige Studenten Simons, der seit 1970 an der TU Mathematik lehrt, schilderten ihren Weg vom Hörsaal in die Vorstandsetagen. Helmut Gerner ist mittlerweile Direktor der Mannesmann AG. Und auch Bernwart Rüpprich hat noch mit Zahlen zu tun – als Geschäftsführer der Daimler-Tochter Debis. „Das ist ganz wichtig, nicht nur die Mathematik selbst zu machen“, bewertet Christine Keitel-Kreidt das Gespräch über die beruflichen Möglichkeiten, „sondern daß man ganz bewußt über sie spricht.“

Das Resümieren des Stoffes in eigenen Worten war auch der besondere Dreh der Lehre in der Sportschule. In Kleingruppen faßten sechs, sieben Teilnehmer jeweils ein Stoffgebiet unter einer bestimmten Frage zusammen. Hinterher trugen das die Gruppen ihren Kommilitonen vor – eigentlich die selbstverständlichste Art des Lernens, die jedoch in Auditorien mit tausend Hörern nicht mehr stattfindet. Erstmals in ihrem Studium wurden die Studierenden in Lindow auch mit der Literatur und ihren verschiedenen, sich oftmals widersprechenden Sichtweisen konfrontiert. Statt eines mathematischen Vademecums hatte Simon mit Assistenten und Tutoren per Auto eine regelrechte kleine Bibliothek nach Lindow geschafft.