Der Beifall war stark und herzlich, als im Berliner Stadtforum ein ehemaliger Staatssekretär des Bausenats sich äußerte. Auf der Tagesordnung stand die Debatte um die innerstädtische Lage staatlicher Institutionen und die Plattenbau-Monokulturen im Osten der Stadt. Dieser hohe Beamte erklärte, früher hätten die preußischen Könige die Staatsämter nicht an ihren zentralen Standorten belassen, sondern sie bewußt an der Peripherie angesiedelt. „Sie haben nicht Stadtlagen genutzt, sondern Lage gemacht.“

Wir leben aber nicht in einer Monarchie, und der demokratische Staat hat eben keinen absoluten Willen. Es gehört zu den einschlägigen Erfahrungen der deutschen Einheit, daß in der Demokratie – wenn die Frage der Um- oder Ansiedlungen staatlicher Institutionen aufkommt – nicht „Lage gemacht“, sondern die Lage verteidigt wird. Das gilt für den Umzug in die Hauptstadt wie auch für den innerstädtischen Umzug. Schließlich kann man Beamten nicht zumuten, für Pioniergeist gewohnte Bequemlichkeiten aufs Spiel zu setzen. Oder? In Berlin wird jetzt die Fachhochschule für Sozialarbeit von Schöneberg (Berlin-West) nach Hellersdorf (Berlin-Ost) umziehen. Es ist der erste Umzug einer Uni, und es wird auch der erste Universitätsneubau sein. 37 Millionen Mark sind dafür im Haushalt vorgesehen. Eine Nachricht? Kaum. Ein Detail des Zusammenwachsens der Stadt? Nein, etwas mehr ist es schon. Es ist auch eine Geschichte, eine durchaus gewohnte Geschichte, daß nicht zusammenwächst, was zusammengehört, sondern daß zusammenwächst, was nicht zusammengehören will.

Diesen November hatten Senat und Parlament die Umsiedlung beschlossen. Das folgende Halbjahr 93 war erfüllt vom verzweifelten Widerstand der Seßhaften. Es wurde eine Urabstimmung veranstaltet. Die Zahlen sind interessant: 77 Prozent der Hochschullehrer, 81 Prozent der Mitarbeiter, 88 Prozent der Lehrbeauftragten und 96 Prozent der Studenten entschieden sich gegen Hellersdorf. Es wurde demonstriert, antichambriert, begutachtet. Selbst beim Wissenschaftsrat wurde der Lehrkörper vorstellig und warb um Hilfe. Der Hochschuldirektor Reinhard Wolff, der die Umsiedlung befürwortete, sah sich plötzlich als Buhmann seiner 68er-Generationsgenossen. Sie forderten seinen „sofortigen“ Rücktritt.

Die Wut war Verständlich. Schließlich leidet zwar die Hochschule unter beengten und gänzlich unzureichenden Verhältnissen. Aber dafür liegt sie eingebettet im kleinbürgerlich-alternativen Milieu von Schöneberg. Da ist der geliebte Wochenmarkt, da sind die Szenecafés, die italienischen Restaurants, Trödelläden und Boutiquen. Aber auf dem Genuß des angenehmen Lebens baut man natürlich keinen Widerstand auf. Der muß eine andere Sprache führen: Der Fachhochschule für Sozialarbeit könne man nicht zumuten, an ein städtisches „Randgebiet“ verbannt zu werden. Randgebiet? Hellersdorf hat U-Bahn-Anschluß – eine halbe Stunde Fahrzeit vom Alexanderplatz. Weiterhin: Der „Praxisbezug“ der Hochschule sei gefährdet, schließlich sei die Plattenbausiedlung ein sozial problematischer Stadtteil. Feministinnen wiesen darauf hin, daß die öffentlichen Verkehrsmittel gefährlich seien, insbesondere für Frauen. Auch die Ausländerfeindschaft im Osten Berlins gefährde den Praxisbezug.

Daß sich auch der Begriff der Sozialarbeit durch die Integration des Ostens ändert, zählte für die künftigen Sozialarbeiter nicht. Insbesondere war man erbost, daß die Fachhochschule für „hochschulfremde Interessen instrumentalisiert“ werde. Hochschulfremde Interessen? Es ist das Konzept des Senats, in dem stadtfeindlichen Plattenbaukonglomerat ein städtisches Zentrum, einen großen zentralen Platz zu schaffen. Der Grundgedanke ist, dort nicht nur Warenhäuser und Büroflächen zu konzentrieren, sondern auch öffentliche Einrichtungen anzusiedeln.

Für die Sozialarbeiter fiel auch nicht ins Gewicht, daß der Bezirk Hellersdorf die Umsiedlung ausdrücklich begrüßte, die Zusammenarbeit mit den dortigen Sozial- und Jugendämtern anbot und der Hochschule eine gestalterische Mitarbeit bei Entwicklung des sozialen Netzes versprach. Obwohl die Fachhochschule bisher eher die Erfahrung machte, daß die Bezirke der Wissenschaft feindlich gegenüberstehen, und obwohl die Mitarbeiter immer über Raumnot klagten – diesen geschenkten Standort wollte man nicht. Es wurde gar ein Münchner Gutachter beauftragt, der – ohne Hellersdorf richtig zu kennen – prompt diagnostizierte, die Hochschule würde einen „dramatischen Substanzverlust an funktionierenden Kontakten“ erleiden. Den Grund nannte er auch: Im Osten Berlins lebt die falsche Klientele.

Der Osten kostet uns genug. Da darf nicht noch die Sozialarbeit verostet werden!