Von Dietrich Willier

Sarajevo

Eben noch waren sommerlich gekleidete Pärchen händchenhaltend über die Marschall-Tito-Straße spaziert. Gediegene Männer im frischgebügelten Hemd mit Krawatte studierten, die neuesten Nachrichten, die Redakteure der Zeitung Oslobodjenje täglich als Wandzeitung an die Fassade des Kammertheaters hängen. Kinder hatten die kaum befahrenen Straßen der Altstadt von Sarajevo für ihre Spiele erobert, und Liebende fanden einen Rasenfleck in den verwüsteten, baumlosen Parks. „Wir sind zu müde, um vor diesem Krieg und den Scharfschützen davonzulaufen“, hatte Mirsat gerade gesagt. Er hatte kaum innegehalten, als in einem Hinterhof an Sarajevos Flanierzeile Vase Miäkina eine serbische Granate einschlug.

Solange es in der Stadt hell ist, läßt sich niemand mehr abhalten von seinen kleinen oder großen Geschäften oder von der verzweifelten Suche nach Wasser und etwas Eßbarem: die alte Frau nicht, die hier täglich die Hunde von den Müllcontainern vertreibt, um selbst darin zu wühlen; auch nicht das kleine Mädchen, das hartnäckig für eine zerdrückte Schachtel Zigaretten noch ein, zwei Mark zu ergattern versucht.

Drüben bei der Kathedrale drängen sich Hunderte zwischen den Ständen des Schwarzmarkts, um etwas Öl, Reis oder gar eine der begehrten französischen Wurstkonserven zu erwischen. Fünfzig Mark kostet ein Kilo Dosenfleisch. Doch Konserven, Käse, Kaffee, Zucker aus den UN-Hilfslieferungen werden erst einmal von der bosnischen Armee beschlagnahmt. Was übrigbleibt, gelangt über Zwischenhändler zu Phantasiepreisen auf die Schwarzmärkte der Stadt.

„Sieh die Menschen an“, meint Mirsat, der glatzköpfige Muslim und ehemalige Rockmusiker, „sie jagen nach Futter wie nach ihrer eigenen Henkersmahlzeit. Wir können unseren täglichen Wahnsinn nur noch damit verdrängen, daß wir daran glauben, vernichtet zu werden, wenn wir nicht kämpfen. Aber wenn der Krieg zu Ende ist, wird Sarajevo das größte Irrenhaus dieser Welt sein.“

Erst heute morgen hatte Mirsat einen Freund besucht, der – von einem serbischen Scharfschützen schwer verletzt – im Krankenhaus liegt. Sein serbischer Schwager liegt seit Wochen in der psychiatrischen Klinik, starrt vor sich hin und redet nicht mehr. Fast zehn Monate hatte er in der vordersten Linie der bosnischen Armee als Scharfschütze gedient. Er wollte keinen Menschen töten und hat doch so viele so entsetzlich lange sterben sehen; ein paar seiner Gegner hat er gekannt.