Von Wolfram Runkel

Mit ein bißchen Glück wird die DDR zum Jahresende 1993 als Olympiasieger die Goldmedaille gewinnen. Bitte, was? Die DDR? 1993? Goldmedaille? Olympiasieger? Genau. Silber hat die Mannschaft der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) fast sicher, Bronze kann ihr niemand mehr nehmen. Zur Zeit – im Juli 1993 – führt sie die Tabelle an mit 33,5 Punkten aus 54 Kämpfen; vor England mit 33 Punkten (aus 53) und Sowjetunion (UdSSR) 30,5 Punkten (aus 47). An vierter Stelle folgt die Tschechoslowakische Republik. Die Mannschaft der BRD steht an sechster Stelle mit 25 Punkten – ohne Chancen auf Medaillenränge.

So weit, so wundersam. So wahr. Die alten Nationalmannschaften haben ihre Olympischen Spiele 1987 begonnen in einer Sportart, die traditionell eine besonders lange Leitung hat: Fernschach, auch Korrespondenz- oder Briefschach genannt. Während beim „Nahschach“ der Turnierspieler durchschnittlich drei Minuten Bedenkzeit pro Zug hat (der Blitzspieler fünf Minuten für eine ganze Partie), darf der Fernschachfreund drei Tage über den nächsten Schritt grübeln. Danach schickt er den Zug auf dem Postweg seinem Gegner. Und der kann in Nowosibirsk oder in Kürnach (BRD) wohnen. Rechnet man für einen Zug zehn Tage (drei Tage Bedenkzeit und eine Woche Reise), so dauert eine vierzigzügige Partie schon über zwei Jahre. Urlaub, Krankheit, verbissene Kämpfer oder lahme Postbeamte – und aus zwei Jahren werden mehrere.

An der Fernschacholympiade nehmen zehn qualifizierte Sechsermannschaften teil, die alle gegeneinander spielen – jeweils sechs Partien pro Länderkampf. Macht insgesamt 243 Partien, die nicht (wie im Nahschach) hintereinander (dann würde eine Olympiade mehrere Jahrzehnte dauern), sondern nebeneinander ausgetragen werden. Jeder Olympiateilnehmer spielt also neun Partien gleichzeitig. So dauert eine Olympiade aller Erfahrung nach knapp vier Jahre.

Bei den letzten, 1987 gestarteten Spielen aber kam die Weltwende dazwischen, welche, so paradox es auch klingen mag, die Spieler (zeitlich) weiter voneinander entfernte, statt sie einander anzunähern. Denn die Post, vor allem in Osteuropa, ist immer langsamer geworden. Züge aus und nach Rußland sind jetzt mehrere Wochen, oft mehrere Monate unterwegs. Wer nun aber glaubt, daß wegen solcher Postprobleme einerseits und den auseinanderfallenden (UdSSR und ČSSR) und zusammenfallenden Staatsgebieten (DDR-BRD) andererseits Schachspieler laufende Partien unterbrechen, gar abbrechen würden, der weiß nichts vom Königlichen Spiel. Eine Schachpartie hört doch nicht auf, weil sich irgendwo ein paar Grenzen verändert haben! Im Gegenteil: Die Grenzveränderung wird ausgesetzt.

Das Schach macht es möglich, daß die „Fernschach-Olympiamannschaft der Sowjetunion“ weiterhin als solche auftritt, und zwar nicht etwa als halbherzige Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) wie auf der großen Barcelona-Olympiade der Läufer und Springer. In der SU-Fernschachmannschaft spielt noch heute am ersten Brett ein Este, also ein Bürger aus dem abtrünnigen Estland, das nicht zur GUS gehört. Das Schach macht es auch möglich, daß wiedervereinigte Brüder und Schwestern sich olympisch immer noch bekämpfen. Die letzte deutsch-deutsche Partie endete im Mai 1991, ein halbes Jahr nach der Wiedervereinigung. Karl-Heinz Maeder (BRD) gab nach 52 Zügen und 43 Monaten seine Partie gegen Fritz Baumbach (DDR) auf, nachdem dieser einen Bauern in eine Dame verwandelt hatte.

Die Partie hatte am 15. November 1987 begonnen. Am 9. November 1989, am Tag der Maueröffnung, hatte Baumbach mit dem 34. Zug ein Qualitätsopfer angeboten und eine Gewinnstellung erkämpft. Am 3. Oktober 1990, am Tag der Wiedervereinigung, fischte Maeder mit seinem 44. Zug und seinem letzten, vergeblichen Schachgebot im trüben und gab am 11. Mai 1991 nach 52 Zügen (mit dem Kommentar „Sie können stolz sein“) auf. Baumbach übrigens, früherer Fernschachweltmeister, ist inzwischen Vorsitzender des Bundes deutscher Fernschachfreunde.