Als ich 1980 ein sehr kleines Haus an einer schmalen Gracht in Delft kaufte, sprach ich wenig Niederländisch und kannte keinen Menschen auf der langen Straße. Zwischen Umzugskisten stand ich mittags staubig und verschwitzt und etwas verlassen, da läutete zum ersten Mal die alte Messingglocke. Eine alte Dame mit grauen Wasserwellen und weißer Schürze stand vor der Tür, lächelte freundlich und sagte so langsam, daß ich sie verstehen konnte: „Ik ben je buurvrouw. Je moet nu komen en een kop soup drinken – ich bin deine Nachbarin, und du brauchst jetzt eine Tasse Suppe“, packte mich am Ärmel und sorgte dafür, daß ich auch an den anderen Umzugstagen mittags zu ihr kam und Suppe trank und Käse aß.

Die Nachbarin häkelte die Vorhänge, die vor holländische Fensterscheiben gehören. Als sie langsam ahnte, daß meine hausfraulichen Interessen weit hinter ihren niederländischen Vorstellungen zurückblieben, verkündete sie: „Blijv je maar rüstig bij je boeken – bleib du mal ruhig bei deinen Büchern.“ Seither fegt sie auch meinen Bürgersteig und putzt den alten Türgriff und den Klingelknauf blitzeblank, Woche für Woche, „weil das bei uns so Sitte ist“.

Zum Nikolaustag lag ein Paket und ein selbstgereimtes Gedicht vor der Tür. Bei Geburtstagen saß ich mit ihren Kindern und Enkelkindern an der langen Kaffeetafel, sang „Lang zal ze leven in de gloria“ mit allen zusammen und lernte, was unter Niederländern so wichtig ist: Nachbarn sind da, um einander zu helfen, hieß es da, und: „Du brauchst dich nicht extra dafür zu bedanken.“

Wenn in den ersten Jahren abends meine Studenten vorbeikamen, um wilde Feste zu feiern, wenn sie gelegentlich auf die Bäume kletterten, um in die Gracht zu spucken, lachte die Nachbarin am nächsten Morgen und staunte über die Lebenslust der Jongeren. Wechselnde Freunde betrachtete sie mit intensiver mütterlicher Neugier („Wo ist doch der mit dem Bart geblieben, Liesbeth?“). Wenn im Frühling die homosexuelle Vereinigung von Delft mit einer großen Parade über Gracht und Straßen zieht, ruft sie: „Schau mal, Liesbeth, wie sehen sie doch wieder schön aus, die homotjes.“ Und daß gerade gegenüber ein „Koffiehuis“ mit legalem Drogenverkauf aufmachte, findet sie nicht weiter tragisch.

Nach fünf Jahren bekam ich, so wie die anderen „Gastarbeiter“, das kommunale Wahlrecht und bin stolz, Bürgerin der alten Stadt Delft zu sein. Leider muß ich gestehen, daß ich (auch in Delft) Strafzettel für falsches Parken sammelte und, was schlimmer ist, sie gelegentlich nicht bezahlte.

Als eines Tages ein Polizist vor der Tür stand, um die Rückstände einzufordern und mich über meine Bürgerpflichten zu belehren, traf er nicht mich, sondern die Nachbarin mit dem Besen vor der Tür. Sie hörte sich das Sündenregister an und sprach: „Wenn Sie unsere Liesbeth meinen, die kennen wir; die tut so was nicht. Sie können ruhig wieder gehen.“

Meine Nachbarin wählt konservativ, liebt die Königin und findet die Witze über Prinz Claus nicht nett.