Von Fritz J. Raddatz

Das Haus ist vier Häuser. Wie das? In der Berliner Chausseestraße 125 wohnte Bertolt Brecht mit Helene Weigel von 1953 bis zu seinem Tod im Jahre 1956. Dort installierte Helene Weigel – bis zur Eigentumsübertragung an die Ostberliner Akademie der Künste aus eigenen Mitteln – das Bertolt-Brecht-Archiv. Seit ihrem Tode 1971 residiert im Hause außerdem die "Firma" Brecht-Erben. Und in einigen Räumen arbeitet das bis vor kurzem Brecht-Zentrum genannte jetzige Literaturforum im Brecht-Haus. Ein Totenschiff, verankert am Dorotheenstädtischen Friedhof? Keineswegs. Vielmehr eine höchst lebendige, auf mehreren Etagen bespielte Bühne.

Die Wohnung

Es war Liebe auf den ersten Blick. Brecht und "die Weigel" (wie er sie gerne nannte) kamen, sahen und siegten: ein Hinterhaus im quirligen Zentrum von Berlin mit dem spezifischen Flair von Buletten und Schusterjungs. Tatsächlich war zu Brechts Lebzeiten im Vorderhaus eine Schusterwerkstatt, und die – kärglichen, Klo ’ne Treppe tiefer – Wohnungen vorne waren "normal" vermietet. Erst wenn man den kleinen Hof mit der berühmten Kastanie überquert, erschließt sich der Charme: Es ist still hier. Vielleicht zu still – denn dieses Hinterhaus grenzt direkt an den Friedhof; Brecht hat oft von dem Blick auf Hegels Grab geschwärmt und schon frühzeitig all seine Prominentenlist für die Erlaubnis eingesetzt, dort eines Tages selber begraben zu werden.

Seine heute mit Eintrittsgebühr und Öffnungszeiten regelrecht als Museum geführte Wohnung ist auf vielfältige Weise berührend. Sie ist edel und bescheiden zugleich, nicht mönchisch, durchaus die Lust an der Form vorführend und ein nachgerade lässiges Selbstbewußtsein: In einem winzigen Bord neben dem Bett stehen Bändchen früher Brecht-Gedichte direkt neben kostbaren Terenz- und Horaz-Ausgaben.

Überhaupt die Bücher! Etwas verlegen, als störe man bei der Arbeit, steht man in der kleinen Bibliothek. Die Ordnung der Bücher ist angeblich nicht verändert, die Lesezettel stecken noch in den frühen Hegel-, Marx- und Lenin-Bänden, manchmal hat Brecht "korrigiert" – Satzzeichen eingefügt, einen Satz grammatikalisch verändert oder fortgeführt. Viele dieser Bücher – eine große Hebbel-Ausgabe – hat er in riesigen Kisten um die halbe Welt geschleppt (seine Manuskripte und Erstausgaben ohnehin). Viele hat er nach seiner Rückkehr aus dem Exil in dem berühmten Antiquariat unter dem S-Bahn-Bogen des Bahnhofs Friedrichstraße gekauft – und viele, natürlich, geschenkt bekommen; da gibt es Widmungsexemplare von Frisch und Dürrenmatt, bei denen man sich fragt, ob sich die Widmungsschreiber nicht eher selber ehrten, oder ein deutlich ungelesenes "Subjekt-Objekt" von Ernst Bloch, der Brechts Vornamen falsch schreibt. Lustig auch, wer alles fehlt. Von den vielen "Ich und Brecht, Brecht und ich"-Erinnerern, die heute mit ihrer Freundschaft zu BB durch die Welt ziehen, keine Zeile. Dafür reichlich vorhanden der "Klassenfeind" – von Ruth Fischer über Trotzkij zu Hamsun.

Schon dieser Raum mit einem chinesischen Rollbild und einem Mao-Tse-Tung-Gedicht in chinesischen Schriftzeichen und den zwei dänischen Lederstühlen atmet eine gewisse Strenge. Mehr noch der anschließende, etwa neun mal neun Quadratmeter große Wohnraum, dessen helle, kühle Biedermeiermöbel keinerlei deutsche "Gemütlichkeit" erlauben. Der Raum ist gebaut wie eine frühe Brecht-Ballade: harmonisch, erlesen, Tradition benutzend. Man erinnert sich sofort an Brechts Lobpreisungen alter Architektur, alter Möbel, einfacher Holztische. Verblüffend die Enthaltsamkeit zur Kunst: kein Dix- oder Grosz-Bild, kein einziges zeitgenössisches Kunstwerk, nicht einmal die schöne Brecht-Büste von Gustav Seitz; von Beckmann, gar Picasso oder Léger zu schweigen. Wenn man an seines Kollegen Aragon mit Matisse und Giacometti, Rouault und Picasso vollgestopftes Pariser Stadtpalais denkt (oder an seines Genossen Guttuso luxuriöse Paläste in Rom und Palermo), dann hat diese Kärglichkeit auch etwas Herablassendes, Protestantisches. Das kann nicht nur Allüre gewesen sein, wie sie die Anekdote meint, die dem das Voluptuöse liebenden Aribert Wäscher zugeschrieben wird mit seinem "Herr Brecht, wo lassen Sie arbeiten?" angesichts des in härenes Grau bekittelten Stückeschreibers in einer Premiere. Das winzige Schlafzimmer – ein schmales Bett, ein Stuhl, ein Nachttisch, ein erbärmlicher Chagall-Druck – zeigt echte Bedürfnislosigkeit. Daneben das ärmliche Badezimmerchen schon gar. Mochte er eigentlich den Alten Fritz?