Von Petra Kipphoff

Dresden hat sein Albertinum wieder, will sagen, seine Gemäldegalerie Neue Meister. In den vergangenen fünf Jahren hatten sie sich, stark reduziert, mit den Alten Meistern auf engem Raum drängeln müssen, waren dann acht Monate lang ganz verschwunden, um das Terrain den Bauarbeitern zu überlassen. Für nur 150 000 Mark wurden die Räume wieder in einen Zustand der Benutzbarkeit versetzt, und wer nun das funkelnde Reich der Juwelen und Preziosen Augusts des Starken durchquert hat (auch das Grüne Gewölbe ist noch, bis zur Restaurierung des Schlosses, Untermieter im Albertinum), darf im Obergeschoß des Hauses, angesichts Neuer und anderer Meister, ein wenig über das Thema die Kunst und die Künste sinnieren.

Natürlich war die Wiedereröffnung der Gemäldegalerie Alte Meister im vergangenen Dezember glänzender, feierlicher, spektakulärer. Schließlich ist die Semper-Galerie am Zwinger nicht irgendein beliebiger Museumsbau. Und schließlich sind Raffaels Sixtinische Madonna und Liotards Schokoladenmädchen des deutschen Bildungsbürgers liebster Kunsttrost: ein Stubenmädchen für den Alltag, eine Jungfrau für den Sonntag, und dann diese kleinen Putten, allerliebst!

Die Gemäldegalerie Neue Meister, die seit 1931 als selbständiges Museum im 1887 gebauten Albertinum existiert, war und ist eine Sammlung vorwiegend deutscher Kunst. Wodurch sie sich von der Sammlung Alte Meister bereits deutlich unterscheidet. August der Starke, der Vater der Kunststadt Dresden und vieler Landeskinder, hatte, mit einem gesunden Jagdsinn und einem überdurchschnittlichen Kunstinstinkt ausgestattet, in der Welt eingekauft. Und nur vom Besten. Ebenso sein Sohn August III., der Kunstagenten in ganz Europa positioniert hatte.

Das spätere, das bürgerliche Dresden aber sammelte bürgerlich. Zum Beispiel die Kunst des Landes und die Künstler der Umgebung, der Stadt. Da im 19. Jahrhundert Caspar David Friedrich und Carl Gustav Carus in und um Dresden herum tätig waren und etwas später dann die Romantiker mit Julius Schnorr von Carolsfeld und Ludwig Richter (Friedrich, Schnorr und Richter waren lange Jahre Professoren an der Dresdner Akademie), fällt das Selbstgenügsame dieser Sicht zunächst nicht auf.

Die Dresdener Romantiker-Sammlung, in den neuen Räumen hervorragend gehängt und durch ein klassizistisches Vorspiel sinnvoll eingeleitet, gibt neben Berlin und Hamburg den besten Einblick in diese sehr deutsche Kunst, die mit Friedrich auch in einen europäischen Kontext rückt. Von Friedrichs seinerzeit heftig umstrittenem „Tetschener Altar“ bis zu Richters „Überfahrt am Schreckenstein“ wird das romantische Panorama hier sichtbar, irgendwo zwischen Nebelschleiern und Abendsonne, eng und weit zugleich, ein Traum, was sonst.

Doch dann geht das Jahrhundert zu Ende, und in Dresden bleibt es mit Max Slevogt und Lovis Corinth üppig stehen. Eine Variante von Degas’ „Tänzerinnen“, ein Gauguin und ein van Gogh gehen in der geballten Ladung des deutschen Spätimpressionismus unter; die ungewöhnliche, große Sammlung von Gipsen von Rodin, für die ein Sonderraum geschaffen wurde, ist nicht allein durch Rilke zum beinahedeutschen Kunstgut geworden. Und auch in Gustav Klimts „Birkenwald“ wurzelt nicht die sperrige Moderne.