Von Ludwig Siegele

Es dauert eine Weile, bis Peou Sophal nicht nur sein Lächeln, sondern auch seine Worte findet. "Wo sollen wir den hingehen? Außer in den Städten wie Phnom Penh oder Sihanouk Ville ist die Lage doch woanders in Kambodscha nicht viel besser", sagt der Lehrer, mit 38 Jahren einer der Ältesten seines Dorfes, "wenn sich in diesem Land nicht bald etwas ändert, dann laufen viele zu den Roten Khmer über, dann fängt die ganze Katastrophe wieder von vorne an – wie in den siebziger Jahren."

Ihm zu widersprechen fällt schwer. Der Ort, in dem die Szene spielt, hat nicht einmal einen richtigen Namen. Irgendwann haben Flüchtlinge die Holzhütten hastig ans Ufer gegenüber der Hafenstadt Sre Ambel gebaut. Heute steht der Flecken für das Elend Kambodschas: Oft gibt es nichts anderes als Flußwasser zu trinken. Es wimmelt von Moskitos. Und in der Regenzeit zwischen Juni und September versinkt die Siedlung im Schlamm.

Während in Somalia noch Krieg herrscht, sind die Vereinten Nationen in Kambodscha schon weiter: Nach den erfolgreichen Wahlen Ende Mai steht jetzt sogar eine Übergangsregierung. Aber der Erfolg der UN-Mission ist noch längst nicht sicher. "Das Schwierigste kommt erst noch", meint Roger Lawrence, Wirtschaftsberater der United Nations Transitional Authority in Cambodia (Untac): der Wiederaufbau des asiatischen Staates.

Kann ein Land wirtschaftlichen Selbstmord begehen? Kambodscha hat es in den vergangenen zwanzig Jahren zumindest versucht. Anfang der siebziger Jahre zerstörte ein blutiger Bürgerkrieg einen großen Teil der bescheidenen Infrastruktur. Mitte des Jahrzehnts besorgten die Roten Khmer den Rest und machten der Landwirtschaft den Garaus. Am Ende versuchten es die Vietnamesen mit Planwirtschaft – bevor sie das Land 1989 in eine Art Frühkapitalismus entließen.

Die Reisproduktion, der traditionell wichtigste Wirtschaftszweig des Landes, ist ein guter Gradmesser für die Dauerkrise: 1970 kam Kambodscha auf 3 Millionen Tonnen und führte sogar rund ein Zehntel davon aus. 1980 waren es nur noch 1,7 Millionen Tonnen, rund 200 000 Tonnen zuwenig, um alle satt zu machen. Heute beträgt die Produktion 2,5 Millionen Tonnen, gerade genug für die rund neun Millionen Einwohner.

Doch die Zahlen bekunden nur die halbe Geschichte. Vor allem die Schreckensherrschaft der Roten Khmer zwischen 1975 und 1978 warf das Land um Jahrzehnte zurück. Sie töteten nicht nur über eine Million Menschen, zerstörten die Fabriken und trieben die Stadtbevölkerung in abgelegene Regionen. Sie verboten auch den Besitz von Privateigentum, zogen das Geld aus dem Verkehr – und sammelten alle Uhren ein.