Von Dieter Buhl

Das Echo der Schießereien in Mogadischu trägt weit. Es hallt nicht nur in der Bundesrepublik wider, wo der Streit um weitere Marschbefehle für deutsche Soldaten nach Somalia entbrannt ist. Der Gefechtslärm überlagert auch die Debatte über die Zukunft der Vereinten Nationen. Was als „Operation Neue Hoffnung“ begann, droht zum Waterloo der Uno als Nothelfer und Friedensstifter zu werden. Deutscher Premiereneinsatz bei einem umstrittenen Unternehmen, Zerreißprobe für die Weltorganisation – das Horn Von Afrika birgt eine Fülle von Unwägbarkeiten.

In dieser Situation schlägt die Stunde der Rechthaber und Rechtfertiger. Das war vorauszusehen, denn die Somalia-Mission weckte nie so ungetrübte Hoffnungen, wie ihr Code-Name versprach. In Bonn reichen die Argumente vom Weitermachen „mit ruhiger Hand“ (Verteidigungsminister Rühe) bis zum Aufhören ohne Wenn und Aber (der SPD-Wehrexperte Kolbow). Aus dem Gewirr der internationalen Somalia-Diskussion hebt sich der Ratschlag des amerikanischen Senators Byrd an die GIs am markantesten ab: einpacken und nach Hause gehen.

Ist also die „Neue Hoffnung“ bereits ein hoffnungsloser Fall? Geht die hochherzige Hilfsaktion im Kugelhagel unter? Die feuerspeienden Hubschrauber über Mogadischu erinnern fatal an die search and destroy-Kampagnen der Amerikaner in Vietnam, bei denen wenig gefunden, aber viel zerstört wurde. Auch bei dem massiven Waffeneinsatz gegen den Clanchef Aidid wird viel zerschlagen. Wenn es so weitergeht, dann werden nicht nur unschuldige Menschen das Leben verlieren, dann werden auch das Selbstverständnis und die Friedensfähigkeit der Vereinten Nationen auf der Strecke bleiben.

Das Engagement in Somalia galt nie als Spaziergang. Dieses Land ohne staatliches Gefüge und voller beutegieriger Banden weist in der Tat keine Ähnlichkeit mit einer deutschen Fußgängerzone auf, wie Außenminister Kinkel treffend bemerkte. Nicht ohne Grund ermächtigte daher die Resolution 794 den UN-Generalsekretär, „mit allen nötigen Mitteln sobald wie möglich ein sicheres Umfeld für humanitäre Hilfsoperationen in Somalia zu schaffen“. Nur fragte sich von Anfang an, mit welchen Methoden die erhoffte Befriedung zu erreichen sei.

Wenn heute in ersten Nachrufen auf die Somalia-Aktion grundlegende Fehler angeprangert werden, dann gelten die Vorwürfe vor allem den Amerikanern. Sie haben den Wunsch Butros-Ghalis nach einer Entwaffnung des Landes nur halbherzig erfüllt. Aber kann das Zögern verwundern? Die US-Soldaten wissen aus heimatlicher Erfahrung, wie schwer es ist, auch nur die South Bronx oder amerikanische Schulhöfe zu entwaffnen. Wieviel mehr Schwierigkeiten muß es da bereiten, den Gewalttätigen in einem Volk von sieben Millionen die Waffen aus der Hand zu nehmen.

Die UN-Blauhelme haben sich bis vor kurzem um Hilfe, Schutz und möglichst ausgewogene Domestizierung der Clans bemüht. Die Jagd auf Aidid, den Führer der Somalischen Nationalallianz, aber bringt Unosom II in den Geruch einer Kriegspartei. Die Folgen: Haß und Kampfeswille der Aidid-Milizen wachsen; Unschuldige wie die vier Journalisten in der vergangenen Woche werden zu Opfern; und es zeichnet sich die Gefahr einer zumindest teilweisen Solidarisierung der stolzen Somalier gegen die rabiaten Fremden ab. Die Entwicklung könnte dem Washingtoner Diplomaten recht geben, der vor der Expedition nach Somalia warnte: Wem Beirut gefallen habe, der werde Mogadischu lieben.