Von Klaus Günzel

Man stelle sich vor: In einer Augustnacht des Jahres 1785 versammelten sich zu Paris sechsunddreißig Damen, die allesamt der ersten Gesellschaft angehörten, aber gleich am Eingang des Tagungsortes sämtliche halbwegs entbehrlichen Kleidungsstücke abzulegen genötigt wurden. Ort der Handlung war das Domizil des weitberühmten Grafen Cagliostro in der Rue St. Honoré, wo der Hausherr die Sitzungen seiner „ägyptischen Freimaurerloge“ abzuhalten pflegte. Heute führte dessen Gattin, die Gräfin Serafina, das Wort, die ihren Besucherinnen ohne Umschweife befahl, „den linken Fuß bis an die Hüfte hinauf zu entblößen“.

Später, auf dem Höhepunkt der Fete, schwebte aus der Saalkuppel Cagliostro höchstpersönlich als „Genius der Wahrheit“ herab – „der so nackt wie der Erzvater Adam war, in seiner Hand eine Schlange von honetter Länge und Dicke hielt und auf seinem Scheitel eine glänzende Flamme trug“. Die Damen, ohnehin längst nicht mehr komplett kostümiert, wurden nun von dem Genius folgendermaßen aufgefordert: „Töchter der Erde, entladet euch der profanen Kleidung, und wollt ihr die Wahrheit hören, so zeigt euch so nackt wie sie selbst!“

Dergestalt ging es fröhlich und ungeniert weiter: Den hochwohlgeborenen Evastöchtern gesellten sich ihre Liebhaber hinzu, der Champagner sprengte die Korken an die Decke, man trank auch noch Punsch, tanzte Kotillons, walzte sogar und gehorchte endlich nur allzugern dem Befehl der Gräfin Serafina, die „Sitzung durch einen Actus zu beschließen, welcher der heiligste, der unschuldigste, der leichteste, der angenehmste, der nützlichste, der ernsthafteste und komischste zugleich und endlich der allgemeinste ist, den man nur denken kann“.

So erzählte es jedenfalls kurz darauf Cagliostros entlaufener Kammerdiener, der bei der geheimnisumwitterten Lustbarkeit als Assistent fungiert hatte. Mag der Bericht auch übertrieben sein, so enthält er doch sicherlich nur eine Übertreibung der Wahrheit. Verschiedene Anklageschriften, wie sie wenig später gegen Cagliostro gerichtet wurden, stützten sich auf diesen Report und ähnliche Schilderungen.

Mystisch drapierte Erotik, die Rätsel der Schwarz- und Goldmacherkunst, die Heimlichkeiten der Freimaurer und Rosenkreutzer, die diffusen Bezirke von Magie, Hellsehen und höherem Mummenschanz entfalteten ihre faszinierende Anziehungskraft, wenn der kuriose Graf in den Salons zwischen London und St. Petersburg, zwischen Straßburg und Neapel seine verschlungenen Kreise zog. Daß er dabei, wie wir gesehen haben, die irdischen Freuden nicht zu kurz kommen ließ, hat ihm besonderen Beifall eingetragen. Ringe, Amulette und Busennadeln, Damenfächer und Paravents zeigten sein Bildnis. Plastiken in Marmor und Bronze stellten ihn dar: im herausfordernd aufgeknöpften Hemd, darüber das Haupt mit trotzigem Kinn, sinnlichem Mund und prophetischem Blick, dessen ferne Ziele nur er, der Geisterseher, kannte. Eine dieser Büsten war mit der Inschrift „Divo Cagliostro“ versehen – „Göttlicher Cagliostro“.

Der Mann, der sich anheischig machte, den Stein der Weisen zu destillieren und jungen Männern von Welt die berückendsten Hetären des Altertums als Gespielinnen zu verschaffen, agierte freilich nicht allein auf dem Welttheater seiner Epoche. Das Vierteljahrhundert vom Ende des Siebenjährigen Krieges bis zum Beginn der Französischen Revolution war das Goldene Zeitalter eines ganzen Ensembles von Glücksrittern, Mystagogen, Spielern und Scharlatanen, die fürstlichen Mäzenen tief in die Taschen griffen, Leute von Stand auf subtile Weise ausplünderten, manchem Edelfräulein mit Liebeselixieren beistanden und viele Gelehrten foppten. Der unergründliche Graf Saint-Germain, der frivole Abenteurer Casanova, der sich hochtrabend Chevalier de Seingalt nannte, und eben Cagliostro waren nur die genialsten Virtuosen auf der Riesenharfe menschlicher Dummheit, Leichtgläubigkeit und Langeweile.