Kritisch mustert die Stewardeß den Passagier, der sich gerade auf Sitz 3 B in der First Class Richtung New York ausbreitet: Er trägt ein T-Shirt mit dem Schriftzug Enjoy Hawaii, immerhin ein schreiend grünes – wenn auch zerknittertes – Sakko darüber. Abgewetzte Jeans, weiß-graue Socken, gut eingelatschte und hochbetagte Turnschuhe und eine knallrote Baseballkappe mit nach hinten gedrehtem Schirm runden das Outfit ab. Sie vermeidet mit Mühe ein Naserümpfen und setzt artig zumindest ihr zweitfreundlichstes Lächeln auf. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten gilt das – zumindest unbeschriebene – Gesetz der Anzugs- und Krawattenpflicht nichts mehr.

Auch auf Etikette erpichte Airlines können allzu legere, aber zahlungskräftige Kunden nicht vor dem Betreten des Allerheiligsten an Bord neu einkleiden oder gar zurückweisen, wenn sie 9000 Mark für einen Flug hingeblättert haben, der im hinteren Teil der Kabine für ein Zehntel zu haben ist: „Wen Sie einmal derart brüskiert haben, der ist als Kunde für immer verloren“, weiß man in den Chefetagen der Fluggesellschaften. Der Vollzahler, jene begehrteste, aber aussterbende Spezies aller Flugreisenden, darf auch in der First Class anziehen, was er will. Es gilt die Regel: Klamotten sind wurscht, solange die Kasse stimmt.

Keine Airline mag sich leisten, Passagiere am Boden zurückzulassen, die underdressed sind. In noblen Hotels hingegen werden selbst Gäste der teuersten Suiten oft freundlich, aber bestimmt an den Krawatten- und Sakkozwang in Lobby und Restaurant erinnert.

Bernd Wietfeld, Pressesprecher von British Airways, vertraut mutig weiter auf das ästhetische Feingefühl seiner Kundschaft im vorderen Teil der Maschine: „Jeder unserer Gäste hat selbst das Bedürfnis, sich vernünftig anzuziehen. Der eine findet Jeans schick, der andere Nadelstreifen.“ Strenge Maßstäbe dagegen legen alle Airlines weiterhin beim eigenen Personal und bei Freifliegern an – auch um die vollzahlende Kundschaft nicht zu brüskieren. Deshalb hat auch British Airways schon mal Inhaber von Freiflugscheinen der Jeans wegen aus der First Class verwiesen, obwohl auch die ihr Beinkleid durchaus schick fanden.

Air France versucht, unter dem Slogan „möglichst schick verreisen“, ihre Gäste umfeldgerecht gekleidet und der jeweiligen Sitzklasse angemessen, an Bord zu locken.

Auch bei Lufthansa haben sich die Bekleidungssitten an Bord in den letzten Jahren enorm vereinfacht. Vollzahlern werden auch hier keine Vorschriften gemacht.

Dieter Jacobs, Pressesprecher von American Airlines, sieht es genauso: „Solange die Regeln des Anstands gewahrt werden, kann jeder zahlende Passagier tragen, was er will.“ Wer allerdings in der Badehose käme, werde darauf hingewiesen, daß das nicht ausreiche. Lediglich die Staatslinie Iran Air macht konkrete Vorgaben zur Reisegarderobe seiner weiblichen Fluggäste, über deren Einhaltung streng gewacht wird: Frauen müssen Kopftuch tragen. Darüber hinaus sind Nylonstrumpfhosen tabu, dicke Strümpfe erwünscht. Eine Kleidervorschrift, die nicht offenkundig wird. Denn Arme und Beine der weiblichen Fluggäste müssen stets bedeckt sein. Helge Sobik