Die Mathematik mache traurige Leute, schrieb Luther, und die Theologie sündhafte. Ein lebendiger Gegenbeweis ist Martin Grötschel, Mathematikprofessor an der Technischen Universität Berlin, Vizechef des nach Konrad Zuse benannten Hochleistungs-Rechenzentrums und eine ausgesprochene Frohnatur. Ein Kommunikator erster Güte noch dazu, freundlich und aufgeräumt in Podiumsdiskussionen und auf Empfängen; mit Wonne verwendet der gebürtige Westfale das verbindende Idiom des Ruhrgebiets, das er während seines Studiums in Bochum schätzen gelernt hat.

„Die Mathematik muß sich öffnen“, lautet sein Credo, das er nimmermüde wiederholt, erläutert, untermauert. Die Zunft habe sich lange Zeit vornehmlich mit sich selbst beschäftigt, nun aber sei die Zeit reif, daß die Mathematiker ausschwärmten und ihre Kunst nutzbringend anwendeten – in der Industrie, bei Banken und Versicherungen. Dort werde zum Großteil bloß jene Mathematik betrieben, die sich bewährt hat, doch viele der neuen Instrumente, alles Erfindungen der letzten zwanzig Jahre, blieben derzeit ungenutzt. Ein Schatz warte darauf, gehoben zu werden.

Nicht nur Grötschel denkt so. Als das Präsidium der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV) den einsatzfreudigen Reformer im Januar zum Vorsitzenden kürte, wurde das Signal weithin verstanden. Als wollten sie gleich zu Beginn kräftig mit dem Horn tuten, krempelten Grötschel und Genossen sogleich die ehrwürdigen, aber verschnarchten DMV-Mitteilungen um und verpaßten dem Vereinsblatt ein schnittiges Outfit.

Unablässig knüpft er nun Kontakte, organisiert Veranstaltungen und wirbt für seine Ideen, ein Gesprächstermin löst den nächsten ab – wann kann der Experte für „Kombinatorische Optimierung“ überhaupt noch wissenschaftlich arbeiten? Nachts, wenn der Rest der fünfköpfigen Familie schläft. Dann sitzt er am Computer und stopft Schokolade in sich hinein. Die athletische Figur des ehemaligen Kugelstoßers (er schafft mit 45 Jahren noch immer elf Meter) verträgt’s.

Nicht lange ist es her, da gehörten die Mathematiker zu den letzten wenigen Wissenschaftlern ohne Computer am Arbeitsplatz. Das war auch insofern seltsam, als doch Alan Turing und John von Neumann, die eigentlichen Begründer der Informatik, waschechte Mathematiker waren (von Neumann freilich war ein Allroundgenie). Allerdings verlor die neue Disziplin bald ihre enge Bindung an die Mathematik und wanderte ins Ingenieurlager ab; dort wurde sie groß und stark. Mittlerweile befruchtet sie ihrerseits die Mathematik.

Etwa die Theoretische Informatik: Einer ihrer Zentralbegriffe ist der Algorithmus, darunter versteht der Fachmann das schrittweise und strikt formal zu befolgende Rezept für die Lösung eines Problems. Jeder kennt Algorithmen aus der Schule, beispielsweise die Rechenmethoden für die Multiplikation mehrstelliger Zahlen. Algorithmen sind zum Forschungsgegenstand mehrerer mathematischer Zweige geworden; eines von Grötschels Forschungszielen besteht darin, Algorithmen für die Lösung bestimmter Planungsprobleme zu entwerfen.