Okushiri, am späten Abend des 12. Juli: Ein starkes Erdbeben hatte soeben die Häuser auf der kleinen japanischen Insel durchgeschüttelt, viele Gebäude waren eingestürzt; die Seismologen ermittelten später eine Erdbebenstärke von 7,8 auf der Richter-Skala. Einige Fischer liefen sofort zum Hafen, um nach ihren Booten zu schauen, ihrem Kapital. Erst hier traf sie das Unglück. Eine Flutwelle, acht Meter hoch, wälzte sich heran und erschlug sie samt ihren Booten.

Ein Tsunami war über die Küste gerollt. Erdstöße hatten den Meeresgrund erschüttert und die gewaltige Woge losgetreten. Flutwelle und Erdbeben hinterließen eine Trümmerlandschaft. Noch immer sind nicht alle Toten geborgen. Vermutlich starben mehr als 200 Menschen.

In Japan ist ein solches Unglück nicht ungewöhnlich. Die Insulaner leben auf unruhigem Boden, müssen stets mit Erdbeben und Vulkanausbrüchen rechnen – und mit Tsunamis. Die Brecher können mehr als dreißig Meter Höhe erreichen und ganze Küstenstriche planieren. Nicht nur Japan ist gefährdet, sondern sämtliche Küstenstaaten, sogar die am Mittelmeer. Wissenschaftler vermuten, daß es ein Tsunami war, der nach der Explosion des Vulkans Santorin rund 1500 vor Christus die minoische Kultur auslöschte. Im letzten Jahr wurden Ortschaften in Nicaragua und Indonesien von zwanzig Meter hohen Brechern verwüstet.

Doch der Mensch ist der Naturgewalt nicht hilflos ausgeliefert. Schon 1948 nahm im Pazifik der erste Tsunami-Warndienst seine Arbeit auf, später folgten andere. Sobald ein starkes Meeresbeben registriert wird, kontrollieren die Wächter, ob angeschlossene Pegelstellen ungewöhnliche Wasserstände melden. Hebt oder senkt sich der Meeresspiegel außer der Reihe, ist Gefahr im Verzug. Der prüfende Blick aufs Wasser ist bis heute unerläßlich, weil beileibe nicht jedes Beben das Meer in Wallung bringt. Eine Flutwelle kann nur entstehen, wenn das Erdbeben den Meeresboden anhebt und das Wasser wie mit einem Kolben hochdrückt. Scheren hingegen zwei Gesteinspakete horizontal gegeneinander, droht keine Gefahr. Erdstöße am tückischen San-Andreas-Graben in Kalifornien lassen deshalb das Meer ungerührt.

Das wußte der Seismologe T. A. Jagger vor mehr als einem halben Jahrhundert noch nicht, als er – auf eigene Faust – die Fischer von Hawaii warnte, nachdem ein starkes Beben im fernen Kamtschatka eine Flutwelle losgeschickt hatte. Er wurde 1923 als Held gefeiert, sein Alarm hatte Menschen und Boote gerettet. Nach dem frühen Erfolg reihte sich indes ein Fehlalarm an den anderen, obwohl die Seismometer in Jaggers Observatorium immer wieder kräftig ausschlugen.

Der Pionier Jagger mußte damals den Fischern noch selbst Bescheid geben, wenn die Zeichen auf Flut standen, Inzwischen schlagen die Warndienste mit allem nur denkbaren Medienaufwand Alarm. Radio und Fernsehen gehen mit der Meldung unverzüglich auf Sendung. Dank moderner Elektronik schnurrt alles in Minutenschnelle: Daten werden aus den weitverstreuten Erdbebenwarten und Pegelmeßstellen geliefert, Computer berechnen daraus das Zentrum und die Stärke des Bebens, der Tsunami-Weg wird ermittelt und die Warnung an die Medien weitergereicht.

In der vergangenen Woche konnte ganz Japan auf dem Bildschirm verfolgen, wann die Flut auf welche Küsten prallen würde. Das Fernsehen zeigte Landkarten, auf denen gefährdete Küstenabschnitte rot und gelb blinkten. Für die Bewohner von Okushiri kamen die Warnungen jedoch zu spät. Sie waren zu nahe am Epizentrum, nicht einmal einhundert Kilometer entfernt. Für eine solche Strecke braucht ein Tsunami nur wenige Minuten.