STENDAL. – Am Morgen nach der Abstimmung fand Peter Kampelmann Rosen auf dem Schreibtisch vor. Eine Gratulation von seinen Mitarbeitern, denn der Leiter des Amts für Jugendförderung konnte sich freuen. Die Stadtverordnetenversammlung hatte seinen Entwurf einer „Kinderverträglichkeitsprüfung“ nicht nur angenommen, sondern ohne Gegenstimme passieren lassen – ein Erfolg für den Initiator und nicht alltäglich in einer Gesellschaft, in der sich oft nur diejenigen um das Wohl von Kindern sorgen, die auch welche haben.

In Stendal, dem 50 000 Einwohner zählenden Zentrum im nördlichen Sachsen-Anhalt, ist das nicht anders. Da gibt es den Innenstadtbereich mit dem mittelalterlichen Stadtkern, ein Gebiet, in dem immer weniger kleine Kinder wohnen und sich ältere Anwohner schon mal beschweren, wenn diese Kinder auf den raren Spielplätzen nicht nur flüstern. Und dann gibt es zwei Wohngebiete im Süden und rund um den Stadtsee, die in Neubauten aus den siebziger Jahren heute die meisten Einwohner beherbergen. Hier ist die Toleranz Kindern gegenüber strukturgemäß größer. Doch auch dort, wünscht sich Peter Kampelmann, muß vieles besser werden. Denn die Vorlage mit dem zähen Namen „Kinderverträglichkeitsprüfung“, kurz KVP, besagt nichts anderes, als daß künftig jedes Bauvorhaben von den zuständigen Ämtern auch aus dem Blickwinkel der kleinen Bewohner Stendals geprüft werden muß.

Die Stadt ist die erste im Osten, die sich eine solche Selbstverpflichtung auferlegt. Dabei geht es nicht nur um genügend Spielplätze, Kindergärten oder Jugendzentren, an die man zunächst beim Stichwort Kinderfreundlichkeit denkt. Vielmehr soll die KVP helfen, auch beim Bau von Straßen und Wohnungen die Interessen der Kinder herauszufinden und in die Planungen einzubeziehen. „Das wird nicht mehr Geld kosten, sondern nur mehr Aufmerksamkeit fordern“, sagt Kampelmann und verweist auf das 1990 erneuerte Kinder- und Jugendhilfegesetz. Darin ist erstmals auch von der Pflicht die Rede, eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu schaffen und zu erhalten. Also: Straßen, die auch Menschen unter zehn Jahren möglichst sicher überqueren können; Wohnen in einer Umgebung, die Kinder ohne strenge Reglementierungen selbst erforschen dürfen; Luft zum Atmen, Platz zum Toben. Um das – wieder – zu erreichen, muß die Jugendhilfe, sagt Peter Kampelmann, sich in alle Arbeitsfelder der Stadtentwicklung einmischen.

Damit das Ganze praktikabel wird und sich Ämter und Behörden nicht mehr „hinter dem Grundsatz der Nichtzuständigkeit verschanzen“ können, hat der 33jährige Dortmunder, der das Stendaler Jugendförderungsamt seit zwei Jahren leitet, einen Handlungsrahmen abgesteckt: Die Ämter sollen anhand eines Kriterienkataloges ihre Kinderverträglichkeitsprüfungen in den normalen Verfahrensablauf einbeziehen und in Eigenregie leisten; gibt es in Einzelfällen Streit mit dem Jugendförderungsamt, entscheidet der Bürgermeister. Er gehört der CDU an und stammt, wie Kampelmann, aus dem Westen.

Der Katalog der Kriterien ist lang und liest sich wie ein großer Wunschzettel. Eine kindgerechte Verkehrsplanung etwa zielt darauf ab, daß Kinder „alle Orte im Umkreis von ca. 5 km der häuslichen Wohnung mit dem Fahrrad oder zu Fuß“ gefahrlos erreichen können; Rad- und Fußwege sollen deshalb so ausgebaut werden, daß sich Radfahrer nirgends in den fließenden Verkehr einfädeln müssen; Funktionsknöpfe in Bussen sollen auch für Kinder erreichbar, Fahrpläne für sie lesbar sein. Und vor allem: Tempo 30 soll im Stadtgebiet zur Regel werden. Wo Autofahrer derart langsam fahren müssen, verringert sich das Risiko für Kinder, im Verkehr ums Leben zu kommen, um neunzig Prozent, ergab eine Untersuchung des Bundesamts für Straßenwesen.

Daß sich solche und viele andere detaillierte Vorgaben nicht nur schön lesen, sondern auch tatsächlich umsetzen lassen, davon hat sich Amtsleiter Kampelmann bei einem Besuch in Herten überzeugt. Die 70 000-Einwohner-Stadt am nördlichen Rand des Ruhrgebiets bemüht sich schon seit fünfzehn Jahren, ihr knappes Geld kinderfreundlich auszugeben. Die Erfolge sind sichtbar: zum Beispiel ein Radwegenetz von über hundert Kilometern; ein Stadtplan speziell für Kinder mit Spielplätzen, Schwimmbädern, Fußgängerüberwegen, Waldstücken und Bachläufen; Schulhöfe, die zu Spielplätzen umgebaut wurden und auch nachmittags geöffnet sind; Schulwegpläne, auf denen für jeden einzelnen Schulanfänger der sicherste Weg eingezeichnet ist; Fahrradparcours mit Kurven und Hügeln bis hin zu einer BMX-Bahn.

Herten diente auch Bochum, Essen, Köln und anderen Städten in Nordrhein-Westfalen als Vorbild. Sie haben in den vergangenen Jahren kommunale Kinderbüros eingerichtet, die auch mit dem Landeskinderbeauftragten in Düsseldorf eng zusammenarbeiten. Stendal will nun mit seinem Verwaltungsmodell einer Kinderverträglichkeitsprüfung einen eigenen Weg gehen. Peter Kampelmann jedenfalls strahlt vor Zuversicht. „Passen Sie auf“, sagt er, „in vier bis fünf Jahren wird man auch hier Erfolge sehen.“ Iris Mainka