Nein, eine Vorzensur der „Tagesthemen“-Kommentare wird es nicht geben, es war alles ganz harmlos. Was stattgefunden habe, so erläutert Frau Euler von der ARD-Pressestelle in München, „war eine Diskussion auf der Ebene der Intendanten mit Einbezug des ARD-Vorsitzenden, der darauf die Direktoren bat, sich in ihrer Klausursitzung mit dem Thema zu befassen, daß es keine glückliche Lösung sei, einen Sachverhalt fünfmal in der Woche zu kommentieren“. Ergebnis: Die Direktoren haben übereinstimmend festgestellt, fünf Kommentare zum selben Thema in einer Woche sind eindeutig zuviel.“

War mit dem einen Thema der Mordanschlag von Solingen gemeint? Ja, sagt Frau Euler – aber: „Es sollte grundsätzlich sein.“ Und zitiert den neuen Beschluß, daß der ARD-Koordinator „im Fall von Themenhäufung von seinem Vetorecht Gebrauch machen kann und soll“. Das sei alles. Um die Häufung also geht es, nicht um den Inhalt.

Wie gut, daß es da immer noch den Intendanten des Senders Freies Berlin, Günter von Lojewski, gibt, der mir am Abend zuvor erzählt hat, wie es wirklich war. Ihm geht es nicht rein formal um die Zahl der fünf Kommentare zu einem Thema in der Woche des Solinger Mordanschlags, ihm geht es um den Inhalt von drei Kommentaren. Er hält es für „unerträglich“, wenn „eine pluralistische Anstalt wie die ARD in der Sache Solingen einen Kommentar zum Teil sogar wortidentisch fährt wie den nächsten“. Für den aus Bayern importierten Intendanten verstößt dies gegen die Liberalität, für ihn „müssen mehrere Meinungen ihre Geltung haben“.

Ihm – und er gibt zu erkennen, daß er keinen einsamen Kampf kämpft – mißfällt insbesondere ein Kommentar, der für die beiden übrigen steht: „Lesen Sie doch bitte mal das nach, was der Herr Hafner über die deutsche Politik sagt, das ist nicht die Republik, in der ich lebe und in der auch Sie leben.“ Ich las nach, was Georg M. Hafner vom Hessischen Rundfunk am 2. Juni zur Reaktion deutscher Politiker auf Solingen gesagt hatte, erkannte aber meine Republik sofort wieder.

Was also ist Lojewskis Problem? Er und die Programmdirektoren – „wir meinen größere Passagen dieses Kommentars. Die Intendanten teilen diese Meinung, das sind insgesamt dann 24 Personen.“

Doch ich entdecke immer noch nichts. Da appelliert der Intendant an meine „Solidarität der Demokraten“. Da kann ich nur sagen: „Aber ich denke, da wir dasselbe Demokratieverständnis haben, würden Sie einem Satz zustimmen, wie ich ihn beispielsweise in Erinnerung habe, dieses Parlament, heißt es, manipuliert die Verfassung.“ Der Intendant ringt nach dem empörten Wort, findet aber nur die eindeutige Feststellung: „Steht da drin!“ Tatsächlich, da steht’s, was Hafner von den Rezepten der Politiker gegen den Rechtsterrorismus denkt: „... mehr Verfassungsschutz – sehr originell, wenn die Verfassung im Parlament zurechtgebogen wird.“

Auch Klaus Bednarz, es ist wahr, rügt zwar mehr die politischen und publizistischen Biedermänner, die angeheizt haben, vergißt aber die „De-facto-Abschaffung des Asylrechts“ unmittelbar zuvor durch den Bundestag nicht. Selbst WDR-Chefredakteur Fritz Pleitgen ist der Satz nachzuweisen, daß wir uns doch gerade erst gegen „die Ausländer“ eine „Grundgesetzänderung abgerungen“ hätten. So also haben die drei – falls Lojewski die Wahrheit ausplaudert – nach dem Entschluß von 24 Intendanten und Programmdirektoren gegen unser deutsches Demokratieverständnis verstoßen.