Von Hans Harald Bräutigam und Thomas Kleine-Brockhoff

Am 10. Januar 1984 erschien die Hamburger Morgenpost mit großem Aufmachen „Chefarzt operierte uns zu Krüppeln“. Sechs Patienten des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Barmbek klagten an – Prof. Dr. Dr. Dr. Rupprecht Bernbeck habe gepfuscht und damit ihr Leben ruiniert. Der Bericht des Journalisten Gerd-Peter Hohaus löste den größten Krankenhaus-Skandal der deutschen Nachkriegsgeschichte aus. Schon am Tag nach dem Mopo-Bericht meldeten sich weitere 93 Bernbeck-Opfer mit ihren Leidensgeschichten. Menschen, die nur noch humpelnd am Stock oder an Krücken gehen konnten, in Rollstuhl oder Korsett gezwungen waren, Menschen, die eines gemeinsam hatten: Es war ihnen vor der Behandlung besser gegangen als nachher.

Jahre währende Fortsetzungs-Enthüllungen förderten eine Melange aus professoraler Dünkelhaftigkeit und medizinischer Inkompetenz zutage, aus ärztlicher Rabentraulichkeit und behördlicher Kumpanei. Inzwischen ist der Chefarzt verurteilt, die meisten Opfer sind entschädigt, Gesetze und Standesvorschriften geändert.

Und alle, alle, die mit dem Skandal zu tun hatten, haben laut herausgebrüllt, so etwas dürfe sich keinesfalls, es dürfe sich niemals wiederholen.

Am 18. Juni 1993 erschien die Hamburger Morgenpost mit großem Aufmacher. Autor: Gerd-Peter Hohaus. Schlagzeile: „Tödliche Strahlen im UKE?“ Und drei Tage später: „Sie haben meine Frau verstrahlt“. Ein Ingenieur klagt an, und eine böse Film-Wiederholung läuft ab. Sofort melden sich einige Dutzend Patienten des Universitätskrankenhauses Eppendorf (UKE) und geben an, bei der Krebstherapie zu stark bestrahlt worden zu sein und nun dahinzusiechen. In den lokalen Blättern mehren sich die fetten Schlagzeilen: „Todesstrahlen: Gutachter prüft“ – „Neue Vorwürfe: Der ganze Körper war verbrannt“ – „Opfer Ferber: Ich war ein Versuchskaninchen“ – „Kripo im UKE – Mordkommission überprüft Kranken-Akten“.

Binnen Tagen ist klar: Hamburg hat, die Republik hat ihren nächsten großen Ärztepfusch-Skandal. Und hinter dem leichtfertigen Umgang mit Patientenleben wird eine monströse Medizinerintrige sichtbar, in der es um Haß und Mißgunst, um Rufmord und Existenzvernichtung geht. Behörden machen sich zu Komplizen im Ränkespiel, und die Politik schaut zu.

Am 7. Juli 1993 treffen sich erstmals vier Dutzend Strahlenpatienten in einem Sitzungssaal der Allgemeinen Ortskrankenkasse. Eine Frau kommt mit einem Button am Revers: „Nie wieder UKE“. Es wird ein Abend voll quälender Leidensgeschichten. Und doch ist es immer die gleiche Geschichte: Fast alle Patienten sind wegen Enddarmkrebs operiert und zusätzlich bestrahlt worden. Fast alle meinen – zu hoch bestrahlt. Fast alle berichten von verheerenden Nebenwirkungen, von furchtbaren Schmerzen im Unterleib, von Darmverschlüssen, Harnleiter- und Blasengeschwüren, von Nachoperationen. Und immer wieder fallen zwei Namen: Prof. Dr. Dr. Klaus-Henning Hübener, Chefarzt der Abteilung Strahlentherapie im Universitätsklinikum Eppendorf, und Thea Steinbeck, eine seiner Patientinnen. Der Chefarzt kann an diesem Abend nicht kommen, er ist in Urlaub. Die Patientin auch nicht, sie ist tot.