Von Helmut Kuhn

Antonio rückt die Fliege zurecht. Da, dort schreitet ein Herr durch die Säulenhalle, Engländer vielleicht, und er trägt Halbschuhe aus kostbarstem Hirschleder. Die Standuhr schlägt vier. In der Säulenhalle ruhen honorige Herren würdevoll in den einladenden Ohrensesseln. Jeden Tag besuchen bis zu 5000 Menschen das pulsierende Herzstück des Hotels; sie essen und trinken, sie stolzieren und telephonieren, sie gefallen sich selbst und anderen. Im Foyer zur Peacock-Alley haben sich ältere Damen zum Kaffee niedergelassen.

Antonio lächelt, zückt die Bürste. Doch der Herr schwebt vorbei, den Blick grimmig gen Ausgang gerichtet. Der Blick des jungen Schuhputzers aus São Paulo folgt dem feinen Laufwerk, bis es hinter der schweren Messingtüre verschwunden ist. Welch ein Leder! Antonio ist das jüngste Mitglied der 1483köpfigen Belegschaft des „Waldorf-Astoria“, das in diesem Jahr hundert Jahre alt wird. Doch ausgerechnet im Jubiläumsjahr klagt das noble Haus an der Park Avenue wie alle New Yorker Hotels über Besucherschwund. Die Zimmerbelegung sank bis zum April auf 62,7 Prozent, gerade ein Prozentpunkt über dem Rekordtief während der Ölkrise 1974.

Und auf dem Höhepunkt der Besucherflaute eröffnete vor kurzem das neue 52stöckige „Four Seasons“ an der 57. Straße in heller Pracht und kühlem Design. Experten fragen sich, ob das Hotel die Investitionen von rund einer Million Dollar pro Zimmer wohl je erwirtschaften kann. Der Golfkrieg und die Rezession haben die Hotelgilde weltweit angeschlagen. Wegen 6000 in den letzten fünf Jahren in New York neu entstandenen Zimmern herrscht ein Überangebot. Und vor drei Jahren verhängte der Gouverneur des Bundesstaates New York, Mario Cuomo, eine fünfprozentige Zusatzsteuer über alle Etablissements, deren Zimmerpreise hundert Dollar übersteigen. Die Folge: Veranstalter großer Tagungen weichen nach Chicago oder Las Vegas aus.

Das „Prince George“ an der 28. Straße ging gar bankrott und in diesem Jahr für den Dumpingpreis von acht Millionen Dollar über den Tisch. Die Hotels reagieren unterschiedlich: Die einen gehen mit monumentalen Renovierungen und aufgeplusterten Werbeetats auf Kundenfang, andere versuchen, durch Personalabbau die Kosten zu senken. Für einen längeren Aufenthalt gewähren viele Häuser am Hudson River dazu einen stattlichen Rabatt.

Andere Zeiten, andere Sitten. Als sich William Waldorf Astor 1893 den Bau seines Prunkpalastes in den Kopf setzte, mußte er sich nicht mit derartigen Problemen plagen. Sein Ziel war schlicht und einfach, das beste Hotel der Welt zu schaffen.

Vier Jahre später fusionierte das „Waldorf“ mit dem hundert Meter entfernten „Astoria“, das John Jakob Astor IV. gehörte, Waldorfs Cousin. Georg Boldt, Waldorfs erster Direktor, ließ die beiden Gebäude durch einen Tunnel verbinden. Der Korridor übte eine solche Anziehungskraft auf New Yorks High-Society aus, daß die Kolumnisten ihm den namen „Pfauen-Allee“ verliehen. Tausend Zimmer überragten jetzt alles bisher in New York Dagewesene. Boldt erfand dazu den room service. Noch vor der Abreise sandte er den Gästen Früchtekörbe und Champagner aufs Zimmer.