Das Problem spontan entschlossener Bahnreisenden Zwei Stunden vor der Abfahrt ist es für die Platzreservierung zu spät In der ersten Klasse des ICE wird der Last-minute-Service versuchsweise eingeführt.

Wer in Japan im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen fahren will, kann noch bis zehn Minuten vor der Abfahrt einen Platz reservieren. Japan Railways verzichtet auf ein antiquiertes System, das in den meisten deutschen Zügen noch immer gilt: die „Bezettelung“ reservierter Plätze.

Jeder Bahnreisende muß am Reservierungszettel oberhalb des Sitzplatzes ablesen können, ob dieser reserviert ist oder nicht. Ist der Platz vorbestellt, darf der Fahrgast sich zwar hinsetzen, muß aber aufstehen, wenn bis fünfzehn Minuten nach Abfahrt vom jeweiligen Bahnhof der Sitzinhaber erscheint. Abteile mit reservierten und freien Plätzen sind dabei in deutschen Zügen bunt gemischt.

Anders bei den Japanern. Hier wird genau zwischen Wagen mit reservierten und frei verfügbaren Plätzen unterschieden. In „Non-reservation“-Wagen darf sich jeder dort hinsetzen, wo Platz ist. In Zugwaggons mit reservierten Plätzen ist das hingegen ein großes Risiko. Zwar gibt es keine Hinweise auf reservierte Distanzen, aber man muß damit rechnen, daß auch für die kürzeste Teilstrecke ein Platzkarteninhaber erscheint.

Wegen der komplizierten „Zettelwirtschaft“ klappt das in Deutschland nicht. Die Reservierungskarten werden schon Stunden vor Abfahrt des Zuges am Ausgangsbahnhof mühsam von Hand über den Sitzen oder an den Abteiltüren eingesteckt. Wer danach vom Reservierungscomputer der Bahn noch einen freien Platz erhalten will, kommt zu spät.

Nun endlich erkannten auch die deutschen Bahnen, daß dieses System aus „Kaisers Zeiten“ potentielle Fahrgäste vergrault. Seit kurzem können kurzentschlossene Zugfahrer wenigstens in der ersten Klasse des ICE einige Plätze in letzter Minute reservieren. Ganze Wagen nach japanischem Vorbild für Spontanfahrer ohne Vorbuchung freizuhalten und dafür die übrigen lückenlos zu belegen, werde man sich, so Bahn-Vertreter, vielleicht nach der Bahnreform trauen. Bis dahin heißt es weiter: Freie Plätze sind zwar vorhanden, aber im voraus verkaufen kann die Bahn sie nicht. Schade fürs Geschäft. Hans-Georg Ungefug