Von Robert Leroy

LÜTTICH. – Wer hören möchte, daß Deutsch die Muttersprache von vielen Millionen Europäern ist, daß Deutschland die größte Wirtschaftsmacht unseres Kontinents und Belgiens wichtigsten Handelspartner verkörpert, daß wir in Helmut Kohl einen der einflußreichsten Politiker unserer Zeit zu sehen haben und daß es deshalb ratsam ist, Deutsch zu lernen, den muß ich bittet enttäuschen: Es gehört ein gerüttelt Maß an Dummheit dazu, derlei Selbstverständlichkeiten noch zu ignorieren.

Dem sei hinzugefügt: Wer bereits eifrig Deutsch gelernt hat und nun hören will: „Ja, lieber Freund, da hast du recht getan. Deine Chancen für eine steile Karriere sind etzt glänzend!“, den muß ich ebenso enttäuschen. Diese Tatsachen vermelden tagtäglich die Stellenanzeigen in belgischen Zeitungen viel beredter und überzeugender, als ich es je schaffen könnte.

All diese nutz- und dienstbaren Argumente zugunsten des Deutschen wiederhole ich nicht. Was also spricht darüber hinaus dafür, den Deutschunterricht an Belgiens Sekundärschulen oder Gymnasien intensiver zu pflegen? Eigentlich gibt es nur zwei Antworten – zwei so einfache und banale, daß ich mich fast schäme, sie zu nennen.

Erstens: Das Erlernen der deutschen Sprache stellt neben der Mathematik und dem Unterricht in der jeweiligen Muttersprache eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten intellektueller Bildung dar.

Zweitens: Diese Sprache ist heute das Ausdrucks- und Verständigungsmittel einer der großen Kulturen der Welt.

Ich bin kein Träumer. Deshalb höre ich schon die Einwände unserer Schuldirektoren: „Glauben Sie wirklich, daß Sie mit solchen Argumenten die Deutschklassen vollkriegen?“ Ich betrachte mich nicht als Handelsvertreter in Sachen Deutsch. Ich verhökere die deutsche Sprache nicht wie andere Immobilien oder Waschmaschinen. Die Schule ist kein Ort für Kommerz; die Schule ist kein Platz, wo man Margarine, Kölnischwasser, Coca-Cola oder eben Deutsch unter die Leute bringt.