ZDF, 17. Juli: "Der Kommissar"

Daß ästhetische and technische Entwicklungen Opfer kosten, daß sie über Formen und Funktionen hinweggehen, die reif und richtig waren und nur deshalb verschwinden sind, weil sie der Innovation nicht dienten, das belegt inzwischen auch die noch junge Geschichte des Fernsehens, In allen Künsten rettet man die überholten, wenngleich vollkommenen Werke dadurch, daß man ihnen den Rang der Klassizität zuspricht. Beim Fernsehfilm zögert unser kulturverwaltendes Establishment, hervorragende Oldies durch Etikette wie "Klassiker" zu adeln. Zu populär und das heißt zu anspruchslos erscheint das Medium. Aber glücklicherweise gibt es den Sommer – die Zeit der Wiederholungen. Die Programme der siebziger Jahre werden jetzt recycelt, und siehe da: Die TV-Klassik wartet in den Archiven.

Zum Beispiel in Gestalt des "Kommissars". Die 1971 uraufgeführte Folge "Der Tote von Zimmer 17" [Buch: Herbert Reinecker, Regie: Wolfgang Becker), die letzten Samstag wieder lief, steht für drei verlorene Stärken des klassischen Fernsehfilms: Schwarzweiß, Ruhe und die Einheit von Ort, Zeit und Handlung.

Als das Farbfernsehen aufkam, bedauerten die wenigen Kenner den Verlust von Motivkompositionen mit Helligkeitsstufen und Tiefenschärfe, ganz wie sie zuvor beim Kinofilm die Farbenpracht über das Lichtspiel triumphieren sahen. Ein Schwarzweißfilm ist ein Licht-und-Schatten-Film, ein Farbfilm immer überlebensbunt. Kann ein Farbfilm die Verbrecherjagd im Treppenhaus so inszenieren, daß der Geländerschatten auf des Schurken Antlitz wie ein Menetekel wirkt? Nein, aber Wolfgang Becker konnte es 1971 in seinem "Kommissar", und es überzeugte. Schwarzweiß mag eine überholte Technik sein, aber sie erzielt einen Ausdruck, den die Farbe immer übertüncht.

Als die Programmvielfalt aufkam, beklagten ältere Zuschauer den Verlust der langen Einstellungen, die dem Auge Zeit gelassen hatten, etwas zu entdecken. Inzwischen ist der Tempowahn ausgebrochen – eine schnellere Schnittfolge simuliert Spannung und hält, so der Kalkül, den Fernbedienungsspieler vom Umschalten ab. Ein Oldie wie der "Kommissar" 71 erinnert uns daran, wie hoch der Preis für Kabel und Programmwahl war: Die Zeitsouveränität von Regie und Kamera schuf der Story eine Dimension für Vermutungen und Schlüsse, für Eigenleistungen also der Zuschauer, die im heutigen Schnellfeuer-TV nicht mehr möglich sind.

Die Einheit von Ort, Zeit und Handlung darf weder Kino noch Fernsehen binden – deren Möglichkeiten schöpfen erst Ortswechsel und Zeitsprünge voll aus. Dennoch verhilft eine Annäherung an die drei klassischen Einheiten auch dem Film zu theatralischer Wirkung, dafür stehen von "Die zwölf Geschworenen" bis "Und täglich grüßt das Murmeltier" eine stolze Reihe von Werken. Im Fernsehen scheut man das formale Korsett: Seine Intensität erschwert das Zuschalten, wer nicht von Anfang dabei war, kommt nicht mehr rein. Und wer sieht heute schon gezielt nach Studium einer Programmzeitschrift fern? 1971 tat man das noch, man versammelte sich zur Prime time vor dem Apparat und verfolgte Erik Ode bei der Schurkenjagd. Die Spannung war stark und ist es heute noch – obgleich der Film schwarzweiß, die Kamera nicht allzu beweglich und der Schauplatz, ein Hotel, immer derselbe war. Klassik hat keine Effekte nötig.

Barbara Sichtermann