Der „Jäger aus Kurpfalz“ (Spiegel), der „Primus aus der Pfalz“ (Stern), „der Pfälzer“ (ZEIT) – dreimal falsch! Rudolf Scharping ist jemand ganz anderer, ist ein Westerwälder. Die Pfalz hat was Üppiges, Frivoles, Lustvolles, hat ihn und Liselotte. Der Westerwald hat Basalt, Ton, Schiefer und ein rauhes Klima. Hier wird der Kohl nicht fett. Kein Schrei der Entrüstung aus der vergessenen Landschaft reklamierte den Kandidaten für sich. Landserreime, kalt auf -wald, sind ihre einzige Berühmtheit.

„Niederelbert“ steht auf dem Schild an der B 49 gleich hinter Montabaur. Rechts ab geht es nach Horressen. Nach links, ins Tal hinunter, führt die Straße zum Dorf am Elbertbach, Geburtsort des Kandidaten. Neubaugebiete an den Hängen, Rathaus von 1830, neuromanische Kirche, Fachwerk, drei Gastwirtschaften, drei Frisöre. Bis das alles aufgezählt ist, erscheint „Niederelbert“ schon wieder im Rückspiegel. Wenden, parken, aussteigen.

Von allen Fassaden und aus allen Vorgärten strotzt der Wettbewerbseifer: „Unser Dorf soll schöner werden“. Zweiter Sieger 1992 in Rheinland-Pfalz – muß man deshalb anhalten? Muß man nicht. Das Gästebuch im Rathaus hat der Rat eigens für den Besuch des Kandidaten vor zwei Jahren angeschafft. Auf Seite eins steht „Der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz“ mit Unterschrift. Ab Seite zwei ist alles frei.

Zu wissen, wo sie herkommen, gibt Westerwäldern ihr Leben lang eine zuverlässige und trotzige Haltung. Sie zog es schon immer in gesegnetere Landschaften, nach Übersee, gen Osten oder wenigstens hinunter an den Rhein, wie des Kandidaten Familie schon zwei Jahre nach seiner Geburt. Aber nie würden sie es aufgeben, das ch als sch zu sprechen oder einem, derselben Herkunft verdächtig, zuzurufen „Hui Wäller?“, worauf der antwortet „Allemol!“. Dann, erkannt, freuen sie sich. Heimat, erst recht die abgelegene, unterlegene, bleibt verbindlich. So ähnlich wie die „Heimat“ aus dem nachbarlichen Hunsrück.

Die Randlage zur Öffentlichkeit erlaubt gewiefte Eigenart gegen die gestanzten Muster andernorts. Die Niederelberter ersparen sich üblichen Verdruß. Die Parteien zogen sich zurück. Zur Wahl stehen im Ort zwei Wählergemeinschaften. Das ist eine mehr als nötig. Als die größere vor einiger Zeit in der Gefahr stand, alle Sitze im Rat zu übernehmen, schuf sie, nur zwecks demokratischer Opposition, die zweite. Die daraufhin entstandene APO formuliert ihre Kritik an den drei Theken.

Von Niederelbert führt die Straße über Welschneudorf und das altkaiserliche Bad Ems, in umgekehrter Richtung der Kultivierung des Westerwaldes, nach Lahnstein. In der Stadt an der Lahnmündung ließ sich die Familie des Kandidaten damals nieder. Am Rhein lebte es sich schon immer leichter. Aber Lahnstein gibt es erst seit 25 Jahren aus erzwungener Verwaltungsreform. In Wirklichkeit bestehen Niederlahnstein diesseits und Oberlahnstein jenseits des schmalen Flusses fort. Der Rat der Stadt, in dem der Kandidat bis 1989 saß, bewältigt denn auch in erster Linie Vereinigungsprobleme. Noch gelang es nicht, die Teilung in den Köpfen zu überbrücken.

Ist der Mensch, was er ißt? Die Pfälzer mögen die Frage bei Saumagen zu Wein lachend bejahen. Die Westerwälder zwischen Rhein, Lahn, Dill und Sieg kennen höchstens eine Spezialität. In Niederelbert heißt sie „Erbeiskoche“, in Lahnstein „Debbedotz“, die Schreibweisen so umstritten wie das Rezept. Immer muß ein Berg von Kartoffeln gerieben und dann mit Salz, Pfeffer, Muskat und viel Öl stundenlang zu einem Kuchen gebraten oder gebacken werden. Neumodische Variationen fügen Wurst, Speck oder Ei hinzu und bezeugen den steigenden Lebensstandard auch im Westerwald. Einheimischen schmeckt die braungrüne Masse. Es bedarf eines selbstbewußten Kanzlers, sie Fremden vorzusetzen.