G abriele Cagliari, bis vor wenigen Monaten Präsident der zweitgrößten italienischen Staatsholding ENI und seit 134 Tagen Untersuchungshäftling in Mailand, hat sich am Dienstag dieser Woche in seiner Zelle das Leben genommen. Er ist nicht das erste, aber das prominenteste Opfer der Enthüllungs- und Säuberungswelle der „Mani Pulite“ (Sauberen Hände) gegen das Bestechungsunwesen in Italien. Cagliari hatte sein Amt nach den römischen Proporzregeln als Vertreter der Sozialistischen Partei vewaltet. Sein Konzern mußte, wie alle anderen auch, nach einem bestimmten Schlüssel an alle Koalitionsparteien und ein wenig auch an die Opposition zahlen.

Cagliari wußte viel, hatte den Ermittlungsrichtern aber bisher wenig darüber erzählt, wie Hunderte Millionen Mark aus den Bilanzen verschwanden. Angst und bange werden mußte ihm, aber auch anderen Industrieführern, als vergangene Woche der frühere Präsident des Chemiekonzerns Montedison, Giuseppe Garofano, in Genf verhaftet wurde, sich nach Mailand ausliefern ließ und seitdem in endlosen Gesprächen den Richtern Intimitäten über die Finanzflüsse zwischen den Konzernen, Banken, Steuerparadiesen und Parteien erzählt. Garofano, wegen seiner Zugehörigkeit zu Opus Dei „der Kardinal“ genannt, wird besonders zum „Geschäft Enimont“ verhört, jener Affäre, bei welcher der Ferruzzi-Clanführer Raul Gardini und Cagliari einen bis aufs Messer gehenden Machtkampf um den Besitz der nationalen Grundstoffchemie ausfochten. Nach einem Vertrag hatten ENI und Montedison ihre Kapazitäten zusammengetan und sollten sie gemeinsam kontrollieren. Vor zwei Jahren zahlte die ENI fünf Milliarden Mark für den Montedison-Anteil und die freien Aktien. Dabei veschwanden einige hundert Millionen Mark, nach denen die Richter nun suchen. Cagliari wußte, daß auch die Ermittler nun sehr bald alles wissen würden – auch ohne seine Aussage.

Zu ungewöhnlichen Mitteln greift die Belegschaft der Deutschen Kugellagerfabriken GmbH Leipzig (DKFL). Die ostdeutsche Tochter der selbst zahlungsunfähigen FAG Kugelfischer in Schweinfurt (siehe ZEIT Nr. 25/93) mußte Mitte Juni die Gesamtvollstreckung beantragen, die Ostvariante des Konkursverfahrens. Seither fürchten die verbliebenen 2100 Arbeitnehmer (von einstmals 7500) um ihren Job. Deshalb gründeten sie am Dienstag den DKF-Verein der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Vereinsbeiträge sollen das Grundkapital einer GmbH bilden, die wiederum als Auffanggesellschaft für den einstmals führenden Wälzlagerhersteller der DDR fungieren könnte. „Alle reden von einer Auffanggesellschaft, aber niemand unternimmt etwas“, meint Joelen Kletzin, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Leipzig. „Darum haben wir die Sache nun selbst in die Hand genommen.“

Am gleichen Tag besetzten die Mitarbeiter des DKFL-Werks im thüringischen Zella-Mehlis ihren Betrieb. Das Werk soll nach dem Konzept der Geschäftsführung des Sequesters Onno Klopp als erster der vier ostdeutschen Standorte Ende Juli geschlossen werden – 450 Arbeitsplätze gingen verloren. Noch immer nicht vom Tisch ist der Vorwurf der Belegschaft, die FAG habe die DKFL im Zuge der „Marktbereinigung“ gezielt in den Konkurs getrieben.

Die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) wird sich darüber nicht freuen – weil ihr damit das Beispiel fehlt, daß es im Fernmeldewesen auch ohne Privatisierung geht: Anfang der Woche kündigte der französische Industrieminister Gerard Longuet an, der Monopolist France Telecom werde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Bisher ist Frankreichs flinker Fernmelderiese ein Unternehmen öffentlichen Rechts. Diesen Status wollte die DPG ursprünglich auch für die Deutsche Bundespost Telekom. Aber Longuet hält eine solche Rechtsform jetzt für zu starr, vor allem wenn es um Allianzen mit anderen Unternehmen der sich schnell entwickelnden Branche geht.

Unklar ist noch, wer das Kapital der neuen Aktiengesellschaft halten soll. Der französische Staat will in jedem Fall 51 Prozent behalten. Auch die Telekommunikationskonzerne Alcatel-Alsthom und AT&T haben seit einiger Zeit Interesse an einer Beteiligung angemeldet. Der heißeste Tip ist freilich die deutsche Telekom. Das Unternehmen sei „ein natürlicher Partner“ in Europa, meint Longuet – allerdings nur, wenn es Bonn zuläßt, daß sich die Franzosen auch bei dem deutschen Monopolisten einkaufen können. Telekom-Chef Helmut Ricke hätte sicher nichts dagegen.

Ein großes „Castor-Halle-luja“ wollen die Atomkraftgegner in Lüchow-Dannenberg Anfang September feiern. Denn seit genau zehn Jahren steht in Gorleben die Halle leer, in der eigentlich abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken, verpackt in sogenannte Castor-Behälter, lagern sollen. Doch mitten in die Vorbereitungen zu Blockade-Frühstück und Lagerfeuer platzte ein Mahnbescheid des Amtsgerichts Salzgitter. Vierzehn Demonstranten sollen 125 901,10 Mark zahlen und damit den Schaden ersetzen, den sie bei einer zweitägigen Besetzung des Gorlebener Erkundungsbergwerks vor drei Jahren verursacht haben sollen. Antragsteller ist Bundesumweltminister Klaus Töpfer, der die Besetzer zum „Ersatz der Stillstandskosten, Reparaturkosten wegen Beschädigung des Zaunes, Personal* und Materialkosten“ auffordet, wie es im Mahnbescheid heißt. Zu überweisen ist der Betrag ausgerechnet an das Bundesamt für Strahlenschutz. „Wir sollen unsere eigene Verseuchung finanzieren“, meinen die Atomkraftgegner und hoffen nun auf Unterstützung aus Hannover. Schließlich hat Niedersachsens Umweltministerin Monika Griefahn ihre Anhänger immer wieder um „Druck von der Straße“ gebeten, der das rotgrüne Programm zum Ausstieg aus der Atomenergie wirkungsvoll begleiten soll. Doch die einstige Greenpeace -Aktivistin hat sich bei den vierzehn gesamtschuldnerisch haftenden Bergwerksbesetzern offiziell noch nicht gemeldet.

Arne Daniels