ZDF, Samstag, 24. Juli, 00.45 Uhr: „Performance“

Mick Jagger hat sie alle überlebt. Er wollte, kluges Kerlchen, gar nicht erst einziehen in die Märtyrergalerie der Hendrix, Joplin, Morrison et al., sondern zog es vor, reich zu werden. Wirklich clever, aber auch nicht ganz fein. Dafür hat er alles überstanden, die Drogenjahre, die Verhaftungen, den Streit mit Keith Richard, die Frauen. Wenn es der neue Plattenvertrag verlangt, geht er noch immer auf Tournee, tobt wie in alten Zeiten über die Bühne, ausgemergelt von der Tour-Diät auf Joghurt-Basis, befeuert von einer bescheidenen Cola light neben den Lautsprechertürmen und der Sauerstoffmaske gleich daneben. Aber klar würde Mick Jagger auch in Las Vegas auftreten, tuntig vor den blauhaarigen, spielsüchtigen Hausfrauen herumspringen und mit dem Arsch wackeln und die Zunge fletschen nach mehr „Satisfaction“; brauchen ihm nur ein Stadion zu bauen, das groß genug ist.

Ein Gangster (James Fox) auf der Flucht, die Killer sind hinter ihm her, er hat sich zu schlagkräftig durchgesetzt. Chas muß untertauchen, versteckt sich bei einem Popsänger im vorzeitigen Ruhestand (nach langem Warten endlich: Your Satanic Majesty Mick Jagger). Ein paar Hits habe er gehabt, sagt ein Kind, zählt sie auf wie Fußballerfolge, dann gingen ihm die Ideen aus. Da haust er jetzt, ein Dorian Gray hinter dicken Vorhängen, in einer psychedelischen Lasterhöhle. (Als der Gangster doch einmal den Vorhang wegzieht und in den hellen Londoner Tag hinaussieht, watscheln draußen, so ein Zufall, die Rolling Stones vorbei.)

Der Mafioso staunt nur so, über die beiden Frauen, die der ehemalige Star hat, den kleinbrüstigen Zwitter, die blonde Hexe, und natürlich über den Sänger selber, langhaarig, schwuchtelig geschminkt, die Stoßstangenlippen. „Ich würde gern sehen, wie du mit fünfzig aussiehst“, sagt der Gangster zu ihm und hat einen sicheren Lacher. Wird doch Mick Jagger, der Vorsänger der Rolling Stones, der verlebte Dandy in Nicholas Roegs Film von 1969, dieser Tage wirklich & wahrhaftig fünfzig (50! – siehe Seite 28).

Manchmal spielt der zurückgezogene Sänger in „Performance“ noch einmal Auftritt, bewegt sich wie früher zwischen seinen Spiegeln, den mannshohen Lautsprechern, das Mikro liegt für jeden kreativen Fall in der Obstschale bereit. Der Gangster schüttelt stellvertretend für den Bürger den Kopf über das Trio infantil, das bekifft in der Badewanne planscht und sich gegenseitig Geldscheine auf den Bauch klatscht. Außenseiter mögen sie beide sein, der Gangster und der pensionierte Rockstar, aber zum Schluß neigt auch der Outlaw zum bürgerlichen Reflex.

Wäre wirklich keine ganz schlechte Idee gewesen: Mick Jagger zieht sich auf der Höhe des Ruhms, nachdem ein Leitartikel der Times ihn vor weiterer exekutiver Verfolgung bewahrt hat, nachdem Godard seinen komischen Film über die Rolling Stones gedreht hat und „Beggars’ Banquet“ heraus ist, aus dem Geschäft zurück und läßt die Welt draußen drüber spekulieren, was er wohl so treibt.

Aber nein, der Jubelsenior hampelt noch immer frei herum, ein Spasti im öffentlichen Dienst. Längst bleckt die rote Zunge von jeder zweiten Heckklappe; niemanden kümmert’s.

Syd Barrett von Pink Floyd lebt weiter im Verborgenen. Weiß jemand, wo er steckt? Willi Winkler