Ja, das ist er. Michael Philip. Genau. Unverkennbar diese Lippen. Selbstbewußt, ein bißchen frech grinsend, in seinen Sandalen und der kurzen Hose. Neun Jahre alt ist er vielleicht auf dem Photo. Also 1952 möglicherweise. Damals nannten sie ihn alle Mike, ein aufgeweckter Junge. Manchmal konnte er auch unerträglich sein. Dauernd machte er die Erwachsenen in seiner Umgebung nach. Die Lippen hat er von Eva, seiner Mutter, und das Sportliche von seinem Vater Basil, den alle Joe riefen. Er war Lehrer für Sport. Ab und zu durfte Mick in diesen Kurzfilmen auftreten, die sein Vater drehte, um für körperliche Betätigung bei Kindern zu werben. „Seeing Sport“ hießen die, glaub’ ich. Sie waren immer sehr stolz auf ihn, seine Eltern, obwohl er Eva oft Angst einjagte, wenn er wie Tarzan an den Ästen hing und fürchterliche Schreie ausstieß. Ich kann mich noch erinnern, daß ihn ein Lehrer mal als Musterschüler bezeichnete, als intelligent, wenn auch nicht brillant. Aber ehrgeizig. Ich denke, wenn er nicht zu singen angefangen hätte, dann wäre sicher was anderes Großes aus ihm geworden, Manager oder Basketballstar. Oder Politiker. Auf jeden Fall hätte er viel Geld verdient. Sein größter Wunsch war immer ein roter Cadillac.

Am 7. Dezember 1990 feierten Joe Jagger und Eva (geb. Scutts) ihre goldene Hochzeit. Vierzehn Tage zuvor hatte ihr älterer Sohn Mick – den Eva manchmal noch Mike nennt – seine langjährige Freundin Jerry Hall geheiratet. Es war Micks zweite Ehe, nachdem er von Bianca Perez Morena de Marias 1979 geschieden wurde. Mick liebt seine Kinder (Karis von Marsha Hunt, Jade von Bianca, Elizabeth sowie James von Jerry und – um vorzugreifen – Georgia, sein drittes Kind mit Jerry). Eine schöne Feier, bei der Mick – der inzwischen Großvater wurde – einen Toast auf seine Eltern ausbrachte und ihnen einen goldenen (!) Kelch schenkte. Eva und Joe sind stolz auf ihren Sohn, der Wohnungen und Häuser in New York, in London, in Mustique besitzt, ein kleines Schloß im Loiretal und ein Vermögen von schätzungsweise 85 Millionen Pfund verwaltet. Jetzt wird Mick fünfzig, am 26. Juli 1993. Er lacht noch immer viel, wenn auch die Oberlippe ein bißchen schmal geworden ist und verspannt wirkt. Ab und zu macht er noch Musik und singt bei einer Gruppe, die schon 1962 gegründet wurde.

Also ich weiß noch genau, wie ich 1963 oder 1964 meine Eltern ärgern wollte und ein Bravo-Poster von den Rolling Stones um meinen Papierkorb klebte. 360 Grad nur Rolling Stones. Bill, Brian, Charlie, Keith und Mick – wie man ihn auch drehte, immer sah man einen davon, finster, arrogant, böse. „Die sehen ja aus wie Kriminelle“, meinte meine Mutter, „und für so was schwärmst du?“ Und 1965 bei ihrer ersten Europatournee: Nur dieses irrsinnig hohe Kreischen im Publikum. Von der Musik war kaum etwas zu hören. Eigentlich sahen sie sehr harmlos aus, standen ziemlich ruhig. Nur Mick Jagger hüpfte herum, klatschte in die Hände und drohte mit dem Zeigefinger. Ich glaube, er hatte einen Pullover an, mit rundem Ausschnitt. Sie spielten eine gute halbe Stunde, dann war es vorbei. Länger dauerten damals die Konzerte nicht. Eigentlich gefielen mir die Beatles und Bee Gees musikalisch besser.

Die Geschichte wird so erzählt („Papa, erzählst du mir noch mal, wie sich John und Paul trafen?“): Am 17. Oktober 1961 begegneten sich der Bürgerssohn Mick Jagger, der sich auf dem Weg zu seiner London School of Economics befand, und das Arbeiterkind Keith Richards auf dem Bahnhof von Dartford. Der Bluesfan Jagger, der in einer Band namens Little Boy Blue And The Blue Boys sang, und der Rock-’n’-Roll-Fan Richards, der Chuck Berry leidlich imitieren konnte. Sie gestanden sich ihre musikalischen Leidenschaften, zogen zusammen und stiegen ein paarmal bei Alexis Korners Blues Incorporated ein. Dort lernten sie den neunzehnjährigen Elmo Lewis alias Brian Jones kennen, der nach kurzem bei ihnen einzog. Zusammen mit dem älteren Boogie-Pianisten Ian „Stew“ Stewart, dem Bassisten Dick Taylor (später Pretty Things) und dem Schlagzeuger Mick Avory (später Kinks) gründeten sie die Rollin’ Stones, von Brian Jones vorgeschlagen, einem Muddy-Waters-Song entlehnt. Schließlich stieß der am 24. Oktober 1935 geborene Profibassist William Perks – genannt Bill Wyman – dazu sowie der Jazzfan und Schlagzeuger Charlie Watts, geboren am 2. Juni 1941. Am 4. Januar hatten die Rollin’ Stones ihren ersten Auftritt im „Flamingo Club“. Ein Jahr später, am 24. April 1964, stand die erste Langspielplatte „The Rolling Stones“ auf Platz eins der englischen Hitparade.

Wenn Sie mich fragen, war Brian Jones anfangs der Kopf der Gruppe, aber als Sänger trat Mick Jagger unvermeidlich in den Mittelpunkt des Interesses. Verstärkt wurde diese Verschiebung der Machtkonstellation, als Jagger und Richards damit begannen, eigene Kompositionen zu entwickeln. Sie dürfen nicht vergessen, daß die Rolling Stones auf ihren drei ersten Alben fast nur Fremdkompositionen spielten. Ausnahmen, die Sie vielleicht auch kennen, waren „Teil Me“ oder „Heart Of Stone“. Sehen Sie, Mick Jagger und Keith Richards waren zudem das ideale Paar. Der eine liebte sein Ego, der andere seine Musik und beide den Erfolg. In dieser frühen Phase soll Mick einmal geäußert haben: „Es muß noch etwas anderes als Musik geben.“ Und Keith: „Zum Beispiel?“

Es gibt zwei mögliche Gründe, warum ein Musiker in diesem Geschäft anfängt. Da sind einerseits die zwanghaften Musiker, die einfach Musik machen müssen. Wenn sie damit auch noch Geld verdienen, dann ist das großartig, aber sie müssen einfach Musik machen. Und dann gibt es noch die Leute, die sich denken: „Ah, auf diese Art kann ich es schaffen.“ Mick gehört zur zweiten, Keith zur ersten Gruppe.

Jagger ist ein Chamäleon. Seinen Eltern gegenüber war er unglaublich freundlich, aber hinter ihrem Rücken meckerte er beständig über sie. Er ist ein Mensch, der in völlig verschiedenen Kreisen zurechtkommt. Und so war er ständig gezwungen zu wählen, welche er aufgeben sollte. Während er schon mit Keith und Brian in dieser völlig versifften Wohnung lebte, ging er morgens immer noch in seine London School Of Economics und gab das Studium erst auf, als er abgesichert war, als die Gruppe einen Plattenvertrag mit Decca in der Tasche hatte. Daß sich Mick Jagger in den siebziger und achtziger Jahren an die Schickeria verkauft hat und seine alten Ideale verriet, ist eine Legende. Er stand schon immer auf beiden Seiten, marschierte bei der Anti-Vietnam-Demonstration in London mit und besuchte kurz darauf ein Kricketmatch oder schloß sich der Vereinigung der Landbesitzer an. Ob er bei Hugh Hefner residierte, an der Riviera mit einer Yacht unterwegs war, mit John Major speiste, mit Prinzessin Margaret plauderte oder von Andy Warhol hofiert wurde – Jagger konnte darin keinen Widerspruch sehen. Er hatte sein Ziel erreicht, als er Brian Jones, sein Alter ego, den Manager Andrew „Loog“ Oldham und dessen Nachfolger Allen Klein los geworden war. Das von Andy Warhol entworfene Logo für die Firma Rolling Stones unter der Leitung des Wirtschaftsstudenten Mick Jagger ließ es sichtbar werden: seine Lippen, seine Zunge, sinnlich und aggressiv zugleich. Ein Markenzeichen: the lapping tongue – die Schleckzunge.