Das Familienrecht ist um eine Kuriosität ärmer: Das Amtsgericht Münster hat dem altehrwürdigen Kranzgeld endgültig Lebewohl gesagt. Es war freilich schon längst mehr eine Stammtisch-Schmonzette als juristische Realität.

Bereits der Wortlaut dieses rund hundert Jahre alten Paragraphen 1300 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) zerging auf der Zunge wie zartbittere Schokolade. Denn da ist von einer „unbescholtenen“ Verlobten die Rede, die dem Mann etwas gestattet, was „Beiwohnung“ heißt. Das alles erinnert an den Ratschlag der Mutter vor einer Hochzeitsnacht jenseits des Kanals: „Mach’ einfach die Augen zu und denke an England!“

Aber noch heute kommt es vor, daß die Unschuld keinen Spaß versteht und vor Gericht geht. Sechs Monate waren die beiden jungen Leute verlobt gewesen, als er ihr einen kurzen Brief zum schnellen Abschied schrieb. Vielleicht hätte sie ja diese Zeilen seufzend weggesteckt – wenn da nicht jener Osterurlaub gewesen wäre, bei dem aus Unschuld Sünde wurde. Jetzt hatte sie Angst, von ihren Freunden ausgelacht zu werden und keinen anderen mehr zu finden.

Die Öffentlichkeit wird wohl nie erfahren, weshalb sie meinte, daß ein Kranzgeld von tausend Mark die Schande wieder repariert. Eine Amtsrichterin in Münster war jedenfalls nicht bereit, dieses Trostpflaster zu gewähren. Und damit gebührt ihr das Verdienst, in einem knappen Urteil die Emanzipation gleich beider Geschlechter ein Stück vorangetrieben zu haben.

Die Verlobte erleide „aufgrund eines folgenlos gebliebenen Geschlechtsverkehrs keine weitere Einbuße“ – weil die Moral heute eben nicht mehr sei, was sie einmal war, meinte die Richterin. Außerdem stünden alleinstehenden Frauen „alle beruflichen Aufstiegs- und Ausbildungsmöglichkeiten offen“. Dem Verlobten – und den Männern schlechthin, die seit jeher vom Kranzgeld ausgeschlossen waren – hält die einfühlsame Juristin zugute, daß auch sie eine Seele haben: Ihre „Partnerbindung und Liebesfähigkeit“ seien nicht „generell minder intensiv“ als die der Frauen.

Das einseitige Kranzgeld, folgerte die Richterin, sei deshalb verfassungswidrig: Es entwürdige die Frau und verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz.

So ähnlich sieht man die Dinge offenbar auch beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, wo die Entlobte inzwischen erfolglos Trost gesucht hatte. Das Kranzgeld wird deshalb wohl ebenso in der Rumpelkiste sinnloser Paragraphen verschwinden wie manch anderes Ausstellungsstück aus dem Moralitätenkabinett von gestern.