BREMERHAVEN. – Irka und Herbert sind zwei Eisbären und zählen zu den Attraktionen im „Zoo am Meer“. Noch tummeln sich die arktischen Jäger arglos in ihrem Freigehege direkt an der Weser. Doch dem Thalarctos maritimus droht Gefahr. Bei einer Open-air-Veranstaltung beschallt Manfred Mann ’s Earth Band am kommenden Samstag das Publikum auf der direkt vor dem Tiergehege liegenden Kaianlage, am Sonntag haut Pianist Justus Frantz mit dem Royal Philharmonie Orchestra London ebendort in die Tasten. Zwei Riesenspektakel, einige Meter nur von Bären, Makaken und Erdmännchen entfernt – auf der neugebauten Seebäderkaje, an der während der Saison die MS Helgoland festmacht.

Ist Justus Frantz nichts für die Affen? brachte die Nordsee-Zeitung die Frage, an der sich nun die Geister scheiden, auf den Punkt. „Tiere hören ja ganz andere Frequenzbereiche als die Menschen“, gibt Zoodirektor Rüdiger Wandrey zu bedenken. Ob des tierischen Lärms könnten die Kreaturen einander angreifen oder „unkontrollierte“ Verhaltensweisen entwickeln, argwöhnt Wolfgang Apel vom Deutschen Tierschutzbund. Auch der Schauspieler Will Quadflieg setzte sich gleich nach der Lektüre aufrüttelnder Meldungen („Die Zootiere müssen einige 1000 Watt ertragen“) an den Schreibtisch und formulierte geharnischte Zeilen an den Oberbürgermeister – sprach von Folter für die Tiere, von Geschmack- und Gedankenlosigkeit, führte auch anfallende Tierarztkosten und Langzeitschäden ins Feld.

Viel Lärm um nichts, meint Hans-Jürgen Krams, der als Impresario für die städtische Veranstaltungsgesellschaft die Künstler ans Wasser bringt. „In jedem Kuhstall gilt klassische Musik schließlich als leistungssteigernd.“ Übrigens hätte ihn Zoodirektor Wandrey kürzlich noch persönlich gefragt, warum er denn nicht mal die dezibelstarken Scorpions in die Stadt holen könnte. Doch da waren Krams als bekennender Tierfreund und die knappen Finanzen vor. Ganz ohne Resonanz verhallte die Schelte der Tierschützer bei den Kommunalpolitikern aber nicht. So verfügten die Stadtoberen für den Tag der Veranstaltung einen Soundcheck nach dem Tierschutzgesetz. Freilich vermag das Rechtsamt des städtischen Magistrats nicht zu sagen, wie die einzelne Spezies auf Earth Band oder Königliche Philharmoniker reagieren, aus welcher Richtung der Wind weht und wie sich die Schallverhältnisse durch das Wasser gestalten. Auch gilt das Helgoland-Schiff mit seinen aufragenden Bordwänden als unwägbares Echo-Risiko. „Im Fall des Konzerts wären die dem Konzert unmittelbar beiwohnenden Menschen als Vergleichsmaßstab heranzuziehen“, empfehlen daher salomonisch die Bremerhavener Juristen: Was der Mensch zu ertragen vermag, dürfte dem Tier nicht schaden.

Tierparkchef Wandrey weist solcherlei Vergleiche weit von sich. Sicherheitshalber schieben er und seine zwanzig Mitarbeiter an den Tagen der Freiluftkonzerte Sonderschichten und stehen ihren Schützlingen zur Seite. Jedenfalls müssen Irka und Herbert am Wochenende leider drinnen bleiben. Dörte Schubert