Von Hinrich Enderlein

Das Hochschulsystem im Osten sei erst krank geredet worden, beklagte Jürgen Mittelstraß kürzlich an dieser Stelle (ZEIT Nr. 24 vom 11. Juni 1993) und werde jetzt gesund geredet, „als sei schon alles paletti“. Er befürchtet, daß der Osten die Krisensymptome und die konzeptionelle Ohnmacht und Reformunfähigkeit der alten Länder übernehmen werde. Auch Dieter Simon, der frühere Vorsitzende des Wissenschaftsrates, hat verschiedentlich darauf hingewiesen, daß der Osten in erster Linie dabei sei, die Hochschulstrukturen aus dem Westen „abzukupfern“ und insgesamt nichts Innovatives auf den Weg gebracht werde.

Ich frage mich, ob das wirklich so kommen muß? Wie können wir verhindern, daß sich diese pessimistischen Prognosen erfüllen? Niemand wird der These widersprechen können, daß die Chance der Erneuerung des Hochschulsystems im Osten derzeit erheblich größer ist als im Westen. Warum also diese tiefsitzende Skepsis, die ja nicht nur in den Voten von Mittelstraß und Simon zum Ausdruck kommt?

Mir scheint, als spräche daraus vor allem auch die Skepsis gegenüber der eigenen Zunft. Sie wird nicht für fähig gehalten, im Osten eine Reform durchzusetzen, die sie im Westen nicht geschafft hat. Denn natürlich findet der Um- und Ausbau des östlichen Hochschulsystems mit tatkräftiger Hilfe westlicher Professoren und Beamten statt. Auch fällt auf, daß diejenigen, die nicht direkt an dem Prozeß beteiligt sind, die Entwicklungen an den ostdeutschen Hochschulen besonders kritisch begleiten. Und da spricht nicht nur das reine Wohlwollen. Im Gegenteil, die alten deutschen Weisheiten: Das haben wir schon immer so gemacht, das haben wir noch nie so gemacht, da könnte ja jeder kommen, feiern fröhliche Urständ.

Die besserwisserischen Stereotypen verunsichern vor allem die am Umbau nicht minder beteiligten und engagierten Ostwissenschaftler. Ihnen wurde von Anfang an klargemacht, daß alles, was sie reformierten, den kritischen Blicken aus dem Westen standhalten müsse, und wenn es dort nicht akzeptiert werde, dem vernichtenden Verdikt mangelnder Qualität unterworfen werde.

Diese frühzeitig ausgegebene und häufig wiederholte Parole erzeugte einen Druck, der Anpassung rein- und Innovation rauszwingt. Die Wissenschaftsverwaltungen der neuen Länder werden mit Ratschlägen überschwemmt, die unter dem Strich darauf hinauslaufen, doch alles so zu entwickeln, wie im Westen seit langem bewährt, nur vielleicht quantitativ etwas besser ausgestattet. Garniert werden diese Ratschläge mit der Warnung vor Exoten, die nach Osten pilgern, um dort die abwegigen Modelle anzubieten, die sie im Westen zu Recht nicht durchsetzen konnten.

Ein anderer Aspekt betrifft die Hochschulautonomie. Ich habe mich in Brandenburg bemüht, ein Hochschulgesetz auf den Weg zu bringen, das die Autonomie der Hochschulen ernst nimmt und nicht – wie vielerorts im Westen – die Hochschulen zu nachgeordneten Einrichtungen der Wissenschaftsministerien macht. Dies hat seinen Preis. Denn im Streit zwischen Anpassung und Innovation sind die Einflußmöglichkeiten der Wissenschaftsverwaltung begrenzt. Wenn ein Gründungs- oder Strukturgremium dem geschilderten Druck nicht standhält und auf sinnvolle Innovation verzichtet, muß man sich für viele eingehende Gespräche Zeit nehmen. Noch ist der Ausgang der Auseinandersetzung offen, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.