Von Bernd Loppow und Ulrich Schnabel

Ach, herrliche Unschuld vergangener Zeiten: „Hier ist es so schön und still und so kühl, dass man die Rätsel des Daseins vergißt und sich an die klare Offenbarung der Schönheit hält“, konnte der reisende Dichter Conrad Ferdinand Meyer 1866 noch über die Schweiz schwärmen. Heute würde Herrn Meyer die „klare Offenbarung der Schönheit“ möglicherweise schon beim Blick auf die Wetterkarte in der Morgenzeitung und die tägliche Angabe der Luftschadstoffe vermiest. Klein und häßlich fielen ihm die hohen Ozonwerte ins Auge: Genf 150 Mikrogramm (millionstel Gramm) pro Kubikmeter Luft, St. Gallen 180, Lugano gar 210, alle deutlich über dem von der EG empfohlenen Grenzwert von 120 liegend. Er würde etwas von tränenden Augen lesen, von Atemnot und Kopfweh bei zu hohen Konzentrationen. Und den wohlmeinenden Rat, in so einem Falle auf körperliche Betätigung, speziell sportlicher Natur, zu verzichten. Wandersmann Meyer stellten sich die „Rätsel des Daseins“ plötzlich in ganz anderer Form.

Seit einigen Jahren schon melden die Schweizer Meßstationen allsommerlich zu hohe Werte für bodennahes Ozon, fatalerweise auch aus jenen Feriengebieten, die von den Urlaubern bisher gerade wegen ihrer sauberen Luft aufgesucht werden. In der Schweiz, so stellt das dortige Umweltamt nüchtern fest, liegt an sonnigen Nachmittagen zwischen April und September „bei schönem Wetter praktisch täglich und an allen Meßpunkten zuviel Ozon in der Luft“. Angesichts dieser Bedrohung warnt eine Broschüre schon vor möglichen Folgen für die Schweizer Tourismusindustrie: „Die Gäste fürchten hohe Ozonbelastungen und meiden die Schweiz.“

Doch auch in anderen, zu den beliebtesten Erholungsgebieten der Deutschen zählenden Gegenden, sieht es nicht viel besser aus: Etwa im Harz, im Taunus und im Schwarzwald, im bayerischen Voralpenland und dem Burgenland in Österreich steigen die Ozonwerte. So meldete in Bayern 1992 die Bergstation Garmisch-Partenkirchen den höchsten Jahresmittelwert. Von Mai bis Juli war die Atemluft tagtäglich mit mehr als 120 Mikrogramm Ozon belastet, dem behördlich festgesetzten Grenzwert. Auch in Baden-Württemberg wurden die meisten Tage mit hoher Ozonkonzentration ausgerechnet in Urlaubsgebieten registriert: in den Stationen Schwarzwald-Süd und Welzheimer Wald. Am seltensten waren dagegen laut dem Jahresbericht der Landesanstalt für Umweltschutz die „stark vom Verkehr beeinflußten Stationen Karlsruhe-Mitte und Pforzheim-Mitte“ belastet. Verkehrte Welt? Sollen Urlauber fortan die Ferienorte meiden? Ist es gesünder, zu Hause in der Großstadt zu bleiben, die Freizeit ab sofort lieber in den eigenen vier Wänden zu verbringen?

Natürlich nicht, versichert unisono die Ärzteschaft. Denn erholsames Durchatmen hängt ja nicht nur von Ozonwerten, sondern auch von der Konzentration anderer Luftschadstoffe wie Stickoxiden, krebserregenden Benzolen oder Staub ab. Und in verkehrsreichen Ballungsgebieten sammelt sich allemal mehr Zivilisationsdreck an als auf der Alm. Gerade dieser baut in den Städten paradoxerweise das giftige Ozongas ab. Das aus drei Sauerstoffatomen bestehende Ozon (0 3) bildet sich, wenn Stickoxide, Kohlenwasserstoffe und Staubteilchen, die vornehmlich aus Autoabgasen stammen, mit normalem Sauerstoff aus der Luft (0 2) reagieren. Im komplizierten chemischen Zusammenspiel können die Schadstoffe Ozon aufbauen (wenn Sonnenlicht die nötige Energie liefert), aber auch wieder „auffressen“ (in der Nacht, wenn die Sonnenenergie fehlt). Nachts sinkt die Ozonkonzentration deshalb in den Städten praktisch auf Null. Auf dem Land dagegen und in den Bergen, wo die ozonzerstörenden Reaktionspartner fehlen, bleibt es weitgehend erhalten.

Wo ist die Ozonbelastung nun besonders hoch? Aussagen darüber sind so zuverlässig wie die Wettervorhersage. Sonnenscheindauer und Windrichtung, Temperatur und Landschaftsform beeinflussen die Entstehung und Verteilung des in Bodennähe ungeliebten Gases. Im sonnigen Süden sind die Werte im allgemeinen höher als im eher trüben Norden. Auch mit steigender Bergeshöh strahlt die Sonne immer intensiver. Und je stärker sie vom Himmel brennt, um so mehr Ozon entsteht. Deshalb zeigt eine norwegische Studie einen stetig zunehmenden Ozonpegel von Nordschweden bis zum Alpenkamm. Zusätzliche Ozonkonzentrationen entstehen, wenn Wolken dieses Gases, die sich über Wohn- und Industriegebieten gebildet haben, von den Luftströmen über Hunderte von Kilometern in die Urlaubsgebiete geblasen werden und sich an den Bergmassiven stauen. Im italienischen Varese wurden so 1992 Spitzenwerte von 500 Milligramm gemessen.

Das Ozon nimmt das Erdklima doppelt in die Zange – mit äußerst gegensätzlicher Wirkung: Während die Ozonschicht in der zwanzig bis fünfzig Kilometer hoch gelegenen Stratosphäre langsam ausdünnt und damit die gefährliche UV-Strahlung zunimmt, steigen die Ozonkonzentrationen am Boden langsam, aber stetig an – in Deutschland um ein bis zwei Prozent pro Jahr. Die Station des Deutschen Wetterdienstes auf dem Hohenpeissenberg registriert heute einen Jahresmittelwert von etwa achtzig Mikrogramm. Vor hundert Jahren lag er noch zwischen dreißig und vierzig Mikrogramm.